Key Takeaways
- Schon die bloße Gefahr einer Störung kann eine Kettenreaktion in Gang setzen. Frachtraten und Versicherungsprämien ziehen an, Lieferzeiten verlängern sich und am Ende steigen die Kosten selbst für Einkäufer, die mit dem betroffenen Nadelöhr unmittelbar gar nichts zu tun haben.
- Längst geht es nicht mehr nur um Hormus und Suez. Die Spannungen um Taiwan bedrohen den Handel durch die Taiwanstraße, anhaltende Dürre schränkt den Verkehr im Panamakanal ein und der Krieg zwischen Russland und der Ukraine lähmt die Ausfuhr von Getreide, Düngemitteln und Öl über das Schwarze Meer.
- Die meisten kritischen Risiken lauern tief in der Lieferkette, bei Zulieferern der zweiten bis vierten Ebene. Beschaffungsteams sollten ihre Abhängigkeiten daher über alle vorgelagerten Stufen hinweg nachverfolgen, Umleitungs- und Versicherungskosten von vornherein in ihre Verträge einpreisen und ihre Lieferanten geografisch breiter streuen.
Wie stark Handelskonflikte, militärische Auseinandersetzungen und geopolitische Spannungen die Beschaffung prägen, haben die vergangenen Jahre eindrücklich gezeigt. Staaten setzen ihre Kontrolle über Rohstoffe, ihre geografische Lage und ihre wirtschaftliche Macht ein, um Handelsströme an strategischen Engpässen zu drosseln. In einer volatilen Welt, die zunehmend komplex, wirtschaftlich fragmentiert und von Konflikten geprägt ist, wandeln sich die klassischen Beschaffungsrisiken grundlegend. Wer seine betriebliche Kontinuität und Effizienz sichern will, muss lernen, sich im Zeitalter der Nadelöhre zu behaupten.
Der Handel hängt von weit mehr ab als von Häfen, Schiffen und Lagerhäusern. Neben den viel diskutierten geografischen Engpässen wie Kanälen und Meerengen können auch Zahlungssysteme, regulatorische Vorgaben und Logistiknetzwerke die Beschaffung maßgeblich beeinflussen. Treten hier Störungen auf, drohen erhebliche operative Risiken und eine deutlich höhere Komplexität. Selbst Unternehmen, die nicht unmittelbar betroffen sind, können in den Sog solcher Störungen geraten. Beschaffungsteams müssen daher über das klassische Lieferantenrisiko hinausdenken und verstehen, wie Waren durch die vorgelagerten Netzwerke fließen.
Nadelöhre und ihre Bedeutung für den Welthandel
Mehr als die Hälfte des Welthandels wird über den Seeweg abgewickelt, wobei ein Großteil davon mindestens einen von rund 27 strategisch bedeutsamen maritimen Engpässen passiert. Diese Nadelöhre sollten in der Beschaffung daher oberste Priorität haben. Allein auf die Straße von Malakka und die Taiwanstraße entfallen zusammen rund 42 % des weltweiten Handelsverkehrs, was Unternehmen im Störungsfall vor erhebliche Herausforderungen stellt.
Chinas anhaltende Drohungen gegenüber Taiwan gefährden ein jährliches Handelsvolumen von 2,4 Billionen US-Dollar, das durch die Meerenge fließt, insbesondere die Versorgung mit Halbleitern. Hinzu kommt das sogenannte „Malakka-Dilemma“: Da 14 % der chinesischen Exporte die Straße von Malakka passieren, würde eine Blockade vorgelagerte chinesische Lieferanten und damit auch deren Abnehmer empfindlich treffen.
Sphera zufolge haben 85 % der kritischen Lieferkettenrisiken ihren Ursprung bei Lieferanten der zweiten, dritten und vierten Ebene. Unternehmen tun daher gut daran, Partner zu bevorzugen, die ihre vertraglichen Zusagen verlässlich einhalten, und ihre Verträge krisenfest zu gestalten. Vorgelagerte Lieferanten sollten verpflichtet sein, Störungen zu melden und für den Ernstfall vorzusorgen. Ebenso gehören klar formulierte Regelungen zu höherer Gewalt und Kündigung in jeden Vertrag.
Auch Extremwetterereignisse können Nadelöhre beeinträchtigen. So führen Dürreperioden am Panamakanal zu Wassermangel, der die Zahl der täglichen Durchfahrten begrenzt und den Schiffsverkehr einschränkt. Die daraus folgenden Tiefgangbeschränkungen bedeuten für Einkäufer steigende Gebühren, längere Lieferzeiten und eine geringere Fahrplanzuverlässigkeit. Darüber hinaus ist der Kanal ein weiterer Schauplatz des Wettbewerbs zwischen den USA und China, wobei die USA den chinesischen Einfluss in der Region eindämmen wollen.
Nach einem Urteil eines panamaischen Gerichts stellte die chinesische Reederei COSCO Shipping ihren Betrieb im Hafen Balboa ein. Unternehmen, die auf große chinesische Reedereien angewiesen sind, sahen sich daraufhin mit plötzlichen Routenänderungen und Verzögerungen konfrontiert. Dies verdeutlicht das gestiegene Engpassrisiko und die langfristige Instabilität rund um den Kanal.
Angesichts der Risiken durch Transitbeschränkungen und wetterbedingte Störungen sollten Führungskräfte in der Beschaffung Methoden entwickeln, um mit der zunehmenden Prognoseunsicherheit umzugehen. Dazu zählen Investitionen in Zolllager für den grenzüberschreitenden Warenverkehr sowie die Integration von Wartezeiten für die Kanaldurchfahrt und aktuellen Tiefgangbeschränkungen in die Beschaffungssysteme.
Die Schwarzmeerregion ist ein weiteres globales Nadelöhr, das durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine in den Fokus geraten ist. Russland greift ukrainische Häfen an, die Ukraine wiederum attackiert russische Schiffe. Das bremst die Exporte von Öl, Düngemitteln und Getreide und gefährdet zudem die Infrastruktur des Kaspischen Pipeline-Konsortiums (CPC), über die rund 2 % des weltweiten Öls transportiert werden. Einkäufer, die auf Agrarrohstoffe, Düngemittel oder andere Vorprodukte aus der Schwarzmeerregion angewiesen sind, sollten die Folgen möglicher Routenstörungen bewerten und entsprechende Notfallpläne entwickeln.
Über die Straße von Hormus, die Meerenge Bab el-Mandab und den Suezkanal wurde bereits viel berichtet. Gleichzeitige Krisen an mehreren Engpässen der Region sowie die anhaltende Bedrohung durch Gruppen wie die Huthi werden für Lieferketten mit Verbindungen in den Nahen Osten auch künftig ein erhebliches Risiko darstellen. Schäden an der Energieinfrastruktur, etwa an Raffinerien oder Exportanlagen, können Lieferanten über Jahre hinweg beeinträchtigen.
Auch in der Arktis zeichnen sich neue Engpassrisiken ab. Chinas „Arctic Express“ nutzt die Nördliche Seeroute. Da diese Route unter russischer Verwaltung steht, laufen Unternehmen, die sie nutzen, jedoch Gefahr, Sekundärsanktionen auf sich zu ziehen.
Diese Entwicklungen unterstreichen, wie wichtig es ist, Friendshoring oder Nearshoring in Betracht zu ziehen, um die Anfälligkeit gegenüber transozeanischen Engpässen zu verringern. Eine regionale Beschaffung kann das Risiko von Lieferkettenstörungen begrenzen und in Zeiten hoher Treibstoffpreise den Kraftstoffverbrauch senken.
Die verborgenen Nadelöhre
In den vergangenen Jahren haben Protektionismus, Wirtschaftssanktionen und handelspolitische Unsicherheiten spürbar zugenommen und ein volatiles Umfeld geschaffen, in dem sich Beschaffungsteams zurechtfinden müssen. Staaten setzen immer häufiger einseitig Mittel der ökonomischen Kriegsführung ein, um die Kontrolle über bestimmte Nadelöhre zu erlangen, seien sie technologischer, logistischer oder finanzieller Art.
Plötzliche Änderungen bei Zöllen, Subventionen oder Vorschriften können Lieferanten in Bedrängnis bringen und Anpassungen in der Beschaffung erforderlich machen. Darüber hinaus können Ausschlüsse aus dem internationalen Zahlungsnetzwerk SWIFT grenzüberschreitende Zahlungen an vorgelagerte Lieferanten erschweren, die in oder mit sanktionierten Ländern tätig sind. Der weitere Einsatz als Druckmittel könnte die Entwicklung alternativer Zahlungsnetzwerke beschleunigen und damit die Komplexität sowie die Compliance-Risiken zusätzlich erhöhen.
Engpässe in der Logistik können den Geschäftsbetrieb empfindlich stören, sei es durch steigende Seeversicherungsprämien oder durch Ausfälle im Schiffsverkehr. Seit Schiffe im Nahen Osten ins Visier geraten und Versicherer ihren Schutz in Gefahrengebieten neu bepreisen oder ganz einschränken, droht ein Einbruch der Versicherungsmärkte, der ganze Lieferketten ins Stocken bringen und Unternehmen, die auf den weltweiten Seehandel angewiesen sind, erheblichen finanziellen Risiken aussetzen kann.
Dabei kann die Kriegsrisikoversicherung selbst zum Nadelöhr werden: Steigende Prämien und Zuschläge, strengere Deckungsbedingungen und Finanzierungsauflagen können die Durchfahrt so sehr verteuern, dass sie sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt und kostspielige Umwege unvermeidlich werden.
Hinzu kommt, dass knappe Tankerkapazitäten für Öl und Flüssigerdgas zu größeren Sicherheitsbeständen, Wartezeiten in den Häfen und insgesamt steigenden Logistikkosten führen können. Beschaffungsabteilungen sind daher gut beraten, frühzeitig Notfallklauseln zu vereinbaren und logistische Ausweichmöglichkeiten einzuplanen.
Zunehmend gefährdet ist auch die digitale Kommunikationsinfrastruktur, wie die jüngsten Sabotageakte und Angriffe auf Unterseekabel zeigen. Von diesen Leitungen hängen unter anderem die Zollabwicklung, Finanztransaktionen, Cloud-Dienste und Hafenabläufe ab. Schäden an einem Kabel können Teilausfälle von Systemen, Umleitungen und höhere Latenzzeiten zur Folge haben.
Beschaffungsverantwortliche müssen deshalb herausfinden, auf welche digitalen Dienste sie keinesfalls verzichten können und wie sie handlungsfähig bleiben, wenn gerade diese Systeme beeinträchtigt sind und selbst zum Nadelöhr werden. Gelingen kann das nur im engen Schulterschluss mit Compliance, Betrieb, Finanzen, IT und der Rechtsabteilung.
Was Beschaffungsteams tun können
Engpassrisiken an strategischen Nadelöhren müssen systematisch erfasst und laufend beobachtet werden. Gerade bei dieser neuen Art von Risiko reicht der Blick auf direkte Lieferanten nicht aus. Die Abhängigkeiten sollten bis zu den Zulieferern der zweiten und dritten Ebene durchgängig abgebildet werden. Denn schon eine Störung an einem einzigen kritischen Punkt weit vorgelagert in der Lieferkette kann einen Dominoeffekt auslösen.
Viele Unternehmen werden deshalb mehr in die Transparenz ihrer Lieferketten und Bestände investieren müssen, um verschiedene Szenarien vorauszuplanen und jene Produkte zu priorisieren, die auf Lieferverzögerungen besonders empfindlich reagieren und sich kaum ersetzen lassen.
Ebenso gilt es, Ausweichrouten vertraglich zu verankern und Sicherheitsbestände für kritische Komponenten aufzubauen. Um in der Krise einen kühlen Kopf zu bewahren, braucht es klar vorgezeichnete Handlungsschritte und eindeutig geregelte Zuständigkeiten. Regelmäßige Übungen für den Ernstfall verkürzen zudem die Reaktionszeiten und verringern den Bedarf an kostspieligen Notfallmaßnahmen.
Hängt die Rohstoffversorgung an wichtigen Nadelöhren, lässt sich das Preisrisiko durch fundierte Risikoanalysen und durchdachte Absicherungsstrategien deutlich abfedern. Bewährt hat sich zudem, wichtige Rohstoffe aus mehreren Quellen zu beziehen. Wer nur mittelbar betroffen ist, tut gut daran, Frühwarnsignale aufmerksam zu verfolgen. Dazu zählen Beschränkungen in Kanälen und Meerengen, vermehrt gestrichene Abfahrten der Reedereien, Angriffe auf Häfen, neue Sanktionen und Zwischenfälle an Unterseekabeln.
Darüber hinaus empfiehlt es sich, Verträge nicht nur mit Preisgleitklauseln gegen die Inflation abzusichern, sondern auch steigende Versicherungsprämien und Umleitungskosten in die Gesamtkostenbetrachtung einfließen zu lassen. Angesichts der anhaltenden Volatilität schaffen Klauseln, die regelmäßige Nachverhandlungen oder eine flexible Anpassung der Konditionen erlauben, den nötigen Spielraum.
Auch bestehende Verträge verdienen eine sorgfältige Prüfung, allen voran die Regelungen zu höherer Gewalt und Härtefällen, und Unternehmen sollten frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um mögliche Schäden für den Vertragspartner zu begrenzen. Nicht zuletzt verringert eine geografisch breit gefächerte Lieferantenbasis die Abhängigkeit von regionalen Nadelöhren.

Laut KPMG steht die Bewältigung geopolitischer Risiken und Unsicherheiten derzeit ganz oben auf der Agenda, wenn es um den Umbau von Lieferketten geht. ProcurementIQ begleitet Unternehmen auf diesem Weg und unterstützt sie bei der Entwicklung und dem Benchmarking von Best Practices, bei der Analyse von Abhängigkeiten entlang der Lieferkette sowie bei der Ausarbeitung maßgeblicher Vertragsklauseln und Service-Level-Agreements, um die Risiken in diesem neuen Feld der Nadelöhre zu begrenzen.
Final Word
Wachsende geopolitische Risiken erfordern einen umfassenderen Blick auf die Beschaffung. Die Entwicklungen der vergangenen fünf Jahre machen deutlich, dass es sich nicht um eine vorübergehende Ausnahmelage handelt, sondern um einen Dauerzustand, auf den sich Unternehmen einstellen müssen.
Umso wichtiger ist es, Notfallpläne und Ausweichoptionen griffbereit zu haben, bevor die nächste Störung eintritt. Resilienz wird damit zur Kernkompetenz der Beschaffung, deren Aufgabe es ist, den Betrieb auch in unruhigen Zeiten zuverlässig am Laufen zu halten.
Damit Entscheidungen künftig nahezu in Echtzeit getroffen werden können, müssen Logistik, Finanzen und Rechtsabteilung enger verzahnt werden. Gerade in Krisen zahlt es sich aus, kurzfristig auf andere Lieferanten ausweichen, Transportwege umstellen oder Verträge anpassen zu können, um die Wucht von Schocks auf die Lieferkette abzumildern.