Key Takeaways
- Die Nachfrage nach biologisch erzeugten Lebensmitteln wächst in Deutschland deutlich schneller als die heimische Ökolandbaufläche, wodurch eine Versorgungslücke entsteht, die durch Importe nachhaltiger Produkte gedeckt werden muss.
- Die Ausweitung der biologischen Produktion in Deutschland wird durch strukturelle Hemmnisse gebremst, darunter hohe Umstellungskosten, lange Umstellungsphasen ohne Preisprämien sowie Preisdruck durch Discounter und günstige Importware, sodass konventionelle Betriebe das wirtschaftliche Risiko einer Umstellung auf biologischen Landbau meist scheuen.
- Obwohl Deutschland klare gesetzliche Flächenziele für den Ökolandbau verankert hat und staatliche Fördermittel über die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union bereitstellt, bleibt die tatsächliche Umsetzungsgeschwindigkeit weit hinter den politischen Vorgaben zurück, da Förderprämien die Mehrkosten der Erzeuger nicht zuverlässig ausgleichen.
- Technologische Lösungsansätze wie die Präzisionslandwirtschaft sind in Deutschland gut entwickelt, zeigen jedoch nur begrenzte Wirkung, solange strukturelle Hindernisse wie Flächenknappheit und ungünstige agrarpolitische Rahmenbedingungen bestehen bleiben.
Die Biolandwirtschaft verzichtet vollständig auf chemische Pflanzenschutzmittel und synthetische Dünger. In der Tierhaltung gelten strenge Anforderungen an den Auslauf, den Platzbedarf und die Aufzuchtdauer der Nutztiere. Diese Maßnahme trägt zur Schonung von Böden und Gewässern sowie zur Artenvielfalt bei und reduziert die Emissionen klimaschädlicher Treibhausgase. Bio-Lebensmittel sind frei von künstlichen Zusatzstoffen und weisen deutlich geringere Rückstände von Schadstoffen auf als konventionell erzeugte Produkte.

Die Nachfrage nach nachhaltig produzierten Lebensmitteln steigt deutlich schneller als die heimische Produktion
Die Nachfrage nach nachhaltig erzeugten Lebensmitteln wächst in Deutschland seit Jahren stärker als die heimische Produktion. Verbraucher achten zunehmend darauf, dass die Lebensmittel nach ökologischen und sozialen Standards erzeugt werden, insbesondere bei Obst, Gemüse, Milchprodukten und Fleisch.
Laut dem Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erreichte der Umsatz mit Biolebensmitteln im Jahr 2025 mit 18,2 Milliarden Euro ein neues Rekordhoch und wuchs gegenüber dem Vorjahr um 6,7 %. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland legte dagegen nur um 1,1 % auf 1,93 Millionen Hektar zu. Da die heimische Produktion mit der Nachfrage nicht Schritt hält, sind Importe notwendig.
Begrenzte Ausweitung der biologischen Produktion
Ohne den Einsatz chemischer Dünge- und Pflanzenschutzmittel fallen die Erntemengen geringer aus, wodurch sich die Flächenproduktivität verringert. Der Verzicht auf chemische Unkrautvernichter macht zudem eine mechanische Bodenbearbeitung notwendig, für die mehr Treibstoff und Arbeitszeit aufgewendet werden müssen. Hinzu kommt ein erhöhter Verwaltungsaufwand für Dokumentation, Zertifizierung und Richtlinieneinhaltung, der zusätzliche Personalkosten verursacht.
Der deutsche Lebensmittelhandel wird von wenigen, großen Einzelhandelsketten dominiert, die ihre Marktmacht für niedrige Einkaufspreise nutzen. Das gilt auch für Bioprodukte . Laut der Hochschule Heilbronn haben Discounter das Wachstum im Bio-Segment maßgeblich vorangetrieben und erreichten 2025 einen Marktanteil von 32,9 %.
Mit breiten Eigenmarken und aggressiver Preispolitik gewinnen sie zunehmend an Einfluss. Gleichzeitig stehen heimische Erzeuger im Wettbewerb mit günstigeren Importen aus anderen europäischen Ländern und Drittstaaten, sodass höhere Produktionskosten häufig nicht an die Kunden weitergegeben werden können.
Viele konventionelle Betriebe scheuen zudem die Umstellung auf den biologischen Landbau. Während der mehrjährigen Umstellungsphase müssen Landwirte bereits nach den strengeren Öko-Richtlinien wirtschaften und die damit verbundenen Kosten tragen, können jedoch noch nicht die höheren Bio-Preise erzielen, da die Zertifizierung noch aussteht. Daher bleiben notwendige Investitionen in Ställe, Maschinen oder Lagerhallen wegen hoher Zinsen, knapper Fördermittel und unklarer Zukunftsperspektiven häufig aus.
Die politischen Ziele sind ambitioniert
Die deutsche Nachhaltigkeitspolitik in der Landwirtschaft stützt sich auf verbindliche, gesetzliche Vorgaben und strategische Ziele. Das Bundes-Klimaschutzgesetz verpflichtet den Agrarsektor, seine Treibhausgasemissionen bis 2030 auf 56 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente zu senken.
Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie und die Bio-Strategie 2030 setzen das Ziel, den Anteil der ökologischen Landwirtschaft bis 2030 auf 30 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche zu steigern. Die EU-Strategie Farm-to-Fork, Teil des Europäischen Green Deal, sieht zudem eine Halbierung des Pestizideinsatzes bis 2030 vor. Weitere Vorgaben betreffen die Reduzierung von Stickstoffüberschüssen, die Ausweitung von Biodiversitätsflächen und die Wiedervernässung von Mooren.
Die staatliche Förderung für landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland ist auf mehreren Ebenen organisiert. Die Grundlage bildet die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union, aus der Deutschland im Zeitraum 2023 bis 2027 rund 30 bis 35 Milliarden Euro erhält. Ein wesentlicher Teil davon sind flächenbezogene Direktzahlungen, die allen Landwirten zustehen, die grundlegende Anforderungen erfüllen, und die der Einkommenssicherung aller Betriebe unabhängig von ihrer Produktionsausrichtung dienen.
Die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele verläuft schleppend
Die politischen Ziele sind wissenschaftlich fundiert, ihre Umsetzung bleibt jedoch in nahezu allen Bereichen hinter dem Zeitplan zurück. Mit einem aktuellen Anteil von rund 11,5 % ökologisch bewirtschafteter Fläche ist die Zielvorgabe von 30 % bis 2030 kaum noch erreichbar.
Deutschland verfügt über eine starke Forschungs- und Unternehmensbasis im Bereich der Präzisionslandwirtschaft. Moderne Technologien wie Sensorik, Datenanalyse und satellitengestützte Ortung ermöglichen eine genaue Erfassung der Bodenbeschaffenheit, der Feuchtigkeit und des Pflanzenwachstums und schaffen somit die technischen Voraussetzungen für eine ressourceneffiziente Bewirtschaftung.
Die zentrale Herausforderung liegt jedoch weniger in der Technik als in den agrarpolitischen Rahmenbedingungen. In vielen Bundesländern gleichen die Förderprämien für die Umstellung auf den Ökolandbau die damit verbundenen Mehrkosten und Ertragseinbußen nicht zuverlässig aus. Zwar will die Bio-Strategie 2030 die Nachfrage vonseiten der Schulen, Kitas und die Gemeinschaftsverpflegung langfristig stärken, doch der Lebensmitteleinzelhandel dominiert den Markt und setzt Erzeuger unter Preisdruck, auch durch den Einsatz von Importware.
Hinzu kommt, dass landwirtschaftlich nutzbare Fläche ein knappes Gut ist, das zunehmend von Siedlungen, der Verkehrsinfrastruktur und der Energieinfrastruktur vereinnahmt wird. Bodenspekulationen durch Investoren lassen sich politisch und rechtlich nur begrenzt eindämmen.
Final Word
Der biologische Landbau in Deutschland sieht sich mit der Herausforderung konfrontiert, die stark wachsende Nachfrage mit einer nur langsam wachsenden heimischen Produktion zu decken. Da die höheren Produktionskosten nicht allein über den Markt gedeckt werden können, ist eine verlässliche staatliche Förderung weiterhin entscheidend für die Entwicklung des Sektors.

