Germany / White Papers
Branchenperspektiven COVID-19: Gewinner und Verlierer

What information do you want to see from IBISWorld on COVID-19? We'd love to hear from you

by Chris Merklein
May 14 2020

Die globale Ausbreitung von COVID-19 (Coronavirus) hat weitreichende Schutzmaßnahmen und Beschränkungen des öffentlichen Lebens zur Folge. Staatliche Vorkehrungen wie die zeitweise Schließung zahlreicher Geschäfte des stationären Einzelhandels sowie die drastischen Einschränkungen im Gastgewerbe und Tourismussektor wirken sich unmittelbar auf die betroffenen Branchen aus. Während viele Branchen im aktuellen Jahr stark unter der Pandemie und den ergriffenen Maßnahmen leiden, können andere erheblich davon profitieren.

Als Folge der Coronavirus-Pandemie mussten viele Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes ihre Produktionstätigkeit temporär einstellen oder zumindest reduzieren. Für das gesamte Jahr 2020 ist mit einem Einbruch des Produktionsvolumens (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Produktionsvolumen) um knapp 20 % im Vergleich zum Vorjahr zu rechnen. Sektorenübergreifend verzeichnete das Geschäftsklima (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Geschäftsklima), der zentrale Indikator für die Lage der deutschen Wirtschaft, im April des aktuellen Jahres seinen historischen Tiefstwert. Zahlreiche Unternehmen müssen infolge der Pandemie hohe Umsatz- und Gewinneinbußen hinnehmen, Kurzarbeit anmelden oder Beschäftigte entlassen. Dies wirkt sich auch negativ auf die Nettoeinkommen der privaten Haushalte (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Monatliches Haushaltsnettoeinkommen) aus, die 2020 voraussichtlich um mehr als 5 % zurückgehen werden. Zugleich rechnet IBISWorld allerdings mit einem Anstieg der Online-Konsumausgaben (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Online-Konsumausgaben), da die Verbraucher angesichts geschlossener Geschäfte (IBISWorld Industry Insider) und teilweise verhängter Ausgangsbeschränkungen ihre Einkäufe vermehrt im Internet tätigen. Obwohl der öffentliche Fokus wegen des Coronavirus zurzeit stark auf den Krankenhäusern (IBISWorld Branchenreport Q86.10DE) liegt, dürfte diese Branche im aktuellen Jahr keine Umsatzzuwächse erzielen. Der für 2020 erwartete Anstieg der Gesundheitsausgaben (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Gesundheitsausgaben) sollte sich jedoch positiv auf andere Branchen auswirken. IBISWorld stellt im Folgenden exemplarisch jeweils fünf Gewinner und Verlierer der Pandemie vor und geht auf weitere Branchen ein, die stark von der Ausbreitung des Coronavirus betroffen sind.

GEWINNER

C21.20DE Herstellung von pharmazeutischen Produkten

Obwohl bisher weder eine spezielle Therapie noch ein Impfstoff gegen das Coronavirus existiert, dürfte es im aktuellen Jahr zu einer erhöhten Nachfrage nach Medikamenten kommen. Dies betrifft vor allem Medikamente, die der Behandlung von Begleitinfektionen dienen, sowie Mittel zur Stärkung des Immunsystems. Für 2020 prognostiziert IBISWorld sowohl ein Wachstum des Umsatzes als auch einen Anstieg der Gewinnmarge der Arzneimittelhersteller. Von dieser Entwicklung, gepaart mit dem verstärkten Einsatz von COVID-19-Antikörpertests, geht auch ein positiver Einfluss auf die vorgelagerte Branche der Herstellung von pharmazeutischen Grundstoffen (IBISWorld Branchenreport C21.10DE) aus. Sobald ein Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen ist, dürften beide Wirtschaftszweige einen deutlichen Umsatzanstieg verzeichnen. In Zukunft könnten die Branchen dieses Sektors zudem von der politisch geforderten Rückverlagerung der Medikamentenherstellung profitieren.

G47.73DE Apotheken

Neben den Herstellern werden voraussichtlich auch Apotheken von der steigenden Nachfrage nach Medikamenten und den höheren Gesundheitsausgaben profitieren. Im März 2020 erhöhten sich die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel um 25 % gegenüber dem entsprechenden Vorjahresmonat, was sich positiv auf den Umsatz der Branchenakteure ausgewirkt hat. Obwohl die Arzneimittelumsätze im April wieder stark sanken, dürften die Apotheken 2020 insgesamt ein Umsatzwachstum verzeichnen. Ins Gewicht fällt dabei vor allem der erhöhte Bedarf an Hygieneprodukten wie Desinfektionsmitteln, Seifen oder Atemschutzmasken. Aber auch Produkte zur Stärkung des Immunsystems und Vitamine werden vermehrt nachgefragt. Vor dem Hintergrund der Kontaktbeschränkungen und der Angst vor einer Ansteckung werden Versandapotheken im aktuellen Jahr ebenfalls hohe Umsatzsteigerungen verbuchen können. Da in Deutschland nur vollwertige Vor-Ort-Apotheken mit einer Versandhandelserlaubnis Medikamente verschicken dürfen, kommt der Branche auch ein Wachstum des Apothekenversandhandels zugute.

G47.91DE Versand- und Online-Handel

Zwar sieht sich die Branche des Versand- und Online-Handels im aktuellen Jahr mit schlechteren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie einem niedrigeren monatlichen Haushaltsnettoeinkommen konfrontiert, doch zählt sie gleichwohl zu den Gewinnern der Coronavirus-Pandemie. Vor allem während der Schließung vieler stationärer Einzelhandelsgeschäfte konnte der E-Commerce von einem Anstieg der Online-Konsumausgaben profitieren und dürfte 2020 ein Umsatzwachstum erzielen. Als Beispiel hierfür dienen die vorläufigen Finanzergebnisse der Ceconomy AG, unter deren Dach die Einzelhandelsketten MediaMarkt und Saturn operieren. Während der Gesamtumsatz des Konzerns im ersten Quartal 2020 um 7,7 % im Vergleich zum Vorjahr zurückging, erhöhten sich die Umsätze aus dem reinen Online-Geschäft im gleichen Zeitraum um 24 %. Sollte es zukünftig zu einer hohen Insolvenzquote unter stationären Einzelhändlern kommen, wird sich die Marktmacht der Online-Händler vergrößern. Zudem wird die Branche in den kommenden Jahren voraussichtlich positiv vom Ausbau der E-Commerce-Infrastruktur beeinflusst, den viele Händler während der Geschäftsschließungen vorangetrieben haben. Zahlreiche kleinere stationäre Einzelhändler nutzten in dieser Phase bereits die Plattformen großer Versand- und Online-Händler und dürften dies auch künftig tun, was dem Branchenwachstum förderlich sein wird.

J63.91DE Korrespondenz- und Nachrichtenbüros

Eine Branche, die zumindest kurzfristig von der Coronakrise profitieren dürfte, sind Korrespondenz- und Nachrichtenbüros. Die äußerst dynamische Entwicklung der Virusausbreitung und der staatlichen Gegenmaßnahmen lässt die Nachfrage nach aktuellen Informationen ansteigen. Im weiteren Jahresverlauf werden die anhaltende Unsicherheit sowie die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie voraussichtlich für eine weiterhin hohe Nachfrage nach Wirtschaftsnachrichten sorgen. Die Branche profitiert dabei besonders von der vermehrten Nutzung digitaler Presseerzeugnisse. Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern meldete beispielsweise für März 2020 eine Zunahme der Nutzung werbefinanzierter Webangebote um 30,6 % im Vergleich zum Vormonat. Besonders beliebte Kategorien waren dabei neben Nachrichten auch Themen wie Gesundheit oder Essen und Trinken.

M73.20DE Markt- und Meinungsforschung

Die Coronavirus-Pandemie einschließlich der Maßnahmen zu ihrer Eindämmung und ihrer ökonomischen Folgen stellt einen großen Unsicherheitsfaktor für Wirtschaft und Gesellschaft dar. Viele Unternehmen wie auch öffentliche Instanzen haben in dieser Situation einen hohen Bedarf an Marktanalysen und Meinungsumfragen. Besonders gefragt dürften im aktuellen Jahr Untersuchungen der Konsumstimmung und des Konsumverhaltens privater Haushalte sein. Für öffentliche Instanzen sind darüber hinaus auch Umfragen und Analysen zur Akzeptanz der beschlossenen Vorschriften und Beschränkungen sowie zu deren Folgen für Unternehmen und Verbraucher von hoher Relevanz. IBISWorld erwartet deshalb für 2020 einen Anstieg des Branchenumsatzes in der Markt- und Meinungsforschung.

 

VERLIERER

C29.10DE Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenmotoren

Der gesamte Automobilsektor gilt als ein Verlierer der Coronakrise. Bereits zu Beginn der Pandemie kam es zu einem deutlichen Rückgang der Nachfrage nach Kraftwagen, woraufhin die Hersteller ihre Produktion zeitweise komplett einstellten. Insgesamt schrumpfte die Pkw-Produktion in Deutschland im April 2020 um 97,3 % im Vergleich zum Vorjahr. Der Nachfrageeinbruch auf dem inländischen Absatzmarkt ist unter anderem auf eine deutliche Verschlechterung des Konsumklimas (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Konsumklima) sowie auf die Verringerung des monatlichen Haushaltsnettoeinkommens zurückzuführen und dürfte vorerst anhalten. Zudem wird die Branche von einem starken Rückgang der Nachfrage ausländischer Absatzmärkte belastet. Die drei größten deutschen Hersteller – Daimler, VW und BMW – meldeten für das erste Quartal 2020 im Pkw-Segment bereits Umsatzverluste von 3,6 % bis 12,4 % im Vergleich zum Vorjahr. Die drastische Reduzierung des Produktionsvolumens der Kraftwagenhersteller wirkt sich darüber hinaus auch auf vorgelagerte Branchen wie zum Beispiel die Herstellung von Kraftwagenteilen und -zubehör (IBISWorld Branchenreport C29.30DE) aus und sorgt dort ebenfalls für Umsatzeinbußen.

I56.30DE Ausschank von Getränken

Die Branche der getränkegeprägten Gastronomie steht hier exemplarisch für viele andere Branchen aus dem Gastgewerbesektor, der in seiner Gesamtheit zu den großen Verlierern der Coronavirus-Pandemie gehört. Bars, Clubs, Kneipen und Diskotheken sind besonders stark betroffen, da sie, abhängig vom Bundesland, ihren Betrieb für mehrere Wochen unterbrechen mussten. Im Gegensatz dazu durfte der Großteil der Restaurants und anderer Speisegaststätten (IBISWorld Branchenreporte I56.11DE, I56.13DE und I56.14DE) den Betrieb unter speziellen Auflagen aufrechterhalten. Allerdings reichen die durch den Außer-Haus-Verkauf erzielten Umsätze in vielen Fällen nicht aus, um die Betriebskosten der Marktteilnehmer zu decken, weshalb zahlreiche Unternehmen ihren Geschäftsbetrieb komplett eingestellt haben. Ein zusätzlicher großer Nachteil der Branchen des Gastgewerbes ist das Ausbleiben eines Nachholeffekts. So werden viele Marktakteure aufgrund der Abstandsregelungen auch nach der erneuten Öffnung nur einen Bruchteil des Vorjahresumsatzes erzielen können. Die bereits entgangenen Einnahmen werden voraussichtlich zu einem Anstieg der Insolvenzen in diesem Sektor führen. Laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband hat die Arbeitslosigkeit im deutschen Gastgewerbe im April 2020 um 208,2 % im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat zugenommen.

N79.12DE Reiseveranstalter

Auch Akteure des Tourismussektors wie zum Beispiel Reiseveranstalter dürften 2020 einen signifikanten Umsatz- und Gewinnrückgang erleben. Infolge der Ausbreitung des Coronavirus kommt es weltweit zu Einschränkungen des Flug- und Reiseverkehrs (IBISWorld Branchenreport H51.10DE). Zudem ist es in Deutschland seit März 2020 verboten, Übernachtungen zu touristischen Zwecken anzubieten, was die Branche der Hotels, Gasthöfe und Pensionen (IBISWorld Branchenreport I55.10DE) stark belastet. Dieses Verbot dürfte, abhängig vom jeweiligen Bundesland, bis Ende Mai 2020 gelockert oder aufgehoben werden. Dennoch ist den im Tourismussektor tätigen Unternehmen bereits ein enormer finanzieller Schaden entstanden. Ähnlich wie im Gastgewerbe sind keine oder nur sehr geringe Nachholeffekte zu erwarten. Das gesunkene Haushaltsnettoeinkommen sowie weitere Einschränkungen durch das Coronavirus werden voraussichtlich auch im weiteren Jahresverlauf zu Umsatzeinbußen im Vergleich zum Vorjahr führen. Den stärksten Umsatzeinbruch erwartet IBISWorld in der See- und Küstenschifffahrt (IBISWorld Branchenreport H50.10DE). Große Reiseveranstalter wie die TUI AG sind in besonderem Maße von der Coronakrise betroffen, da sie auch in der Kreuzfahrt- oder Luftverkehrsbranche tätig sind oder eigene Hotels und Reisebüros (IBISWorld Branchenreport N79.11DE) betreiben. Dadurch bekommen sie die negativen Folgen der Pandemie über die gesamte Wertschöpfungskette zu spüren.

N82.30DE Messe-, Ausstellungs- und Kongressveranstalter

Die Branche der Messe-, Ausstellungs- und Kongressveranstalter wurde bereits Ende Februar 2020 hart von den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie getroffen, da schon zu diesem Zeitpunkt mehrere Messen, Ausstellungen und Kongresse verschoben oder abgesagt werden mussten. Im April folgte der Beschluss der Bundesregierung, Großveranstaltungen bis einschließlich 31. August 2020 zu untersagen. Hiervon ist ein Großteil der branchenrelevanten Veranstaltungen betroffen. Nach Angaben des Branchendienstes Expodatabase kam es in Deutschland im Jahr 2020 bereits in 487 Fällen zu Verschiebungen oder Absagen von Messen und Ausstellungen. Dies führt bei den Veranstaltern zu erheblichen Umsatz- und Gewinnrückgängen. Die Verschlechterung des Geschäftsklimas deutet zudem darauf hin, dass auch im weiteren Jahresverlauf viele Unternehmen ihre Ausgaben reduzieren und damit einhergehend weniger Leistungen der Branchenakteure in Anspruch nehmen werden.

R93.11DE Betrieb von Sportanlagen

Die aktuelle Pandemie dürfte den gesamten Sportsektor noch längere Zeit beschäftigen und hat bereits zur Verlegung sportlicher Großereignisse wie der Fußballeuropameisterschaft und der Olympischen Spiele in Tokio geführt. Auch in Deutschland sind Branchen aus dem Sportbereich stark betroffen. Um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, wurden am 16. März alle öffentlichen Sportstätten vorläufig geschlossen. Zudem wurde der sportliche Wettkampfbetrieb unterbrochen und ein Verbot von Großveranstaltungen bis zum 31. August 2020 verhängt. Den Betreibern von Sportanlagen entstehen dadurch große Einnahmeverluste, während weiterhin hohe Fixkosten anfallen. Auch die Umsätze und Gewinne der Sportvereine (IBISWorld Branchenreport R93.12DE) dürften 2020 einbrechen. Im Bereich des Profisports kam es bereits am 10. März zum Saisonabbruch der Deutschen Eishockey Liga. Im April wurde dann die Saison der ersten und zweiten Handballbundesliga vorzeitig beendet. Sowohl den Sportvereinen als auch den Betreibern der Sportanlagen entgehen dadurch Einnahmen aus Ticketverkäufen, Sponsoring und der Medienverwertung.

 

In diesem Bericht erwähnte Branchenreporte:

C21.10DE Herstellung von pharmazeutischen Grundstoffen

C21.20DE Herstellung von pharmazeutischen Produkten

C29.10DE Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenmotoren

C29.30DE Herstellung von Teilen und Zubehör für Kraftwagen

G47.73DE Apotheken

G47.91DE Versand- und Online-Handel

H50.10DE Personenbeförderung in der See- und Küstenschifffahrt

H51.10DE Personenbeförderung in der Luftfahrt

I55.10DE Hotels, Gasthöfe und Pensionen

I56.11DE Restaurants mit herkömmlicher Bedienung

I56.13DE Imbissstuben

I56.14DE Cafés und Eissalons

I56.30DE Ausschank von Getränken

J63.91DE Korrespondenz- und Nachrichtenbüros

M73.20DE Markt- und Meinungsforschung

N79.11DE Reisebüros

N79.12DE Reiseveranstalter

N82.30DE Messe-, Ausstellungs- und Kongressveranstalter

Q86.10DE Krankenhäuser

R93.11DE Betrieb von Sportanlagen

R93.12DE Sportvereine

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoranalysen:

D1002 Produktionsvolumen

D1003 Geschäftsklima

D1004 Konsumklima

D1013 Online-Konsumausgaben

D1014 Monatliches Haushaltsnettoeinkommen

D1016 Gesundheitsausgaben

 

Die PDF-Version können Sie hier downloaden