Germany / Industry Insights
Auswirkungen des Coronavirus auf die deutsche Wirtschaft

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by Chris Merklein
Mar 04 2020

Die deutsche Branchenlandschaft spürt mit wenigen Ausnahmen die negativen Auswirkungen des Coronavirus

Nach dem Ausbruch des Coronavirus in der chinesischen Stadt Wuhan sind neben verschiedenen Regionen in China mittlerweile auch Gebiete in Südkorea, im Iran und in Italien als Risikogebiete eingestuft worden. In China wurden viele Arbeiter der Quarantäne unterworfen, wodurch es zu Produktionsstopps kommt, und auch in Italien wurden bereits größere Gebiete unter Quarantäne gestellt. Die deutsche Wirtschaft könnte besonders hart von der Situation in China und Italien getroffen werden. China ist der wichtigste Handelspartner (Exporte und Importe) Deutschlands, Italien der fünftwichtigste. Für viele Branchen stellen diese beiden Länder wichtige Absatzmärkte dar, während andere Branchen einen Großteil ihrer Produktion nach China oder Italien verlagert haben und deswegen auf Produkte aus diesen Ländern angewiesen sind.

Nach Jahren des stabilen Wirtschaftswachstums dürfte China nun die Folgen der Coronavirusepidemie in Form einer schwächeren Entwicklung des heimischen Bruttoinlandsprodukts (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Bruttoinlandsprodukt Chinas) zu spüren bekommen. Aufgrund der ökonomischen Bedeutung Chinas und seiner globalen wirtschaftlichen Verflechtungen dürfte zudem ein Rückgang des globalen Handelsvolumens (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Globales Handelsvolumen) zu beobachten sein.

Automobilindustrie

Ein Sektor, den die Auswirkungen des Coronavirus sowohl auf seinen Absatzmärkten als auch in seiner Produktion treffen, ist die Automobilindustrie. China stellt einen wichtigen Absatzmarkt für die Hersteller von Kraftfahrzeugen (IBISWorld Branchenreport C29.10DE) dar, denn fast 10 % aller von dieser Branche exportierten Waren werden nach China exportiert. Der Einbruch des chinesischen Automobilmarkts wird bei den deutschen Herstellern zu Absatzrückgängen führen und sich negativ auf den Umsatz der ohnehin im Umschwung befindlichen deutschen Automobilindustrie auswirken. China stellt aber nicht nur einen wichtigen Absatzmarkt dar, sondern wird von vielen Automobilherstellern und deren Zulieferern (IBISWorld Branchenreporte C25.50DE, C25.62DE, C28.15DE) auch als Produktionsstandort genutzt. Italien ist für die deutsche Automobilindustrie ebenfalls ein wichtiger Partner. Beispielsweise stammen knapp 10 % aller Importe von Teilen und Zubehör für Kraftwagen (IBISWorld Branchenreport C29.30DE) aus Italien oder China. Kommt es zu Produktions- oder Lieferengpässen in diesen Regionen, müssen auch die Automobilhersteller ihre Produktion drosseln.

Transportwesen

Das Transportwesen ist ebenfalls stark von den Auswirkungen des Coronavirus betroffen. Airlines wie Lufthansa (IBISWorld Branchenreport H51.10DE) haben bereits massiv Flüge nach Asien und Italien gestrichen. Neben den Airlines spüren auch die Flughäfen (IBISWorld Branchenreport H52.23DE) das sinkende Reiseaufkommen. So versucht die Frankfurter Flughafenbetreiberin Fraport AG beispielsweise, ihre Mitarbeiter zu unbezahltem Urlaub zu bewegen, um den Personaleinsatz der verringerten Nachfrage anzupassen und Kosten zu sparen. Auch die Personenbeförderung in der See- und Küstenschifffahrt (IBISWorld Branchenreport H50.10DE) wird derzeit stark von der Viruserkrankung beeinflusst. Die Reedereien müssen Routen verlegen, bereits geplante Kreuzfahrten absagen und sich auf strengere Sicherheits- und Hygienemaßnahmen einstellen. Dieser erhöhte Aufwand sowie Stornierungen und der allgemeine Nachfragerückgang dürften sich negativ auf den Umsatz und auf die erzielten Gewinne der Branchenteilnehmer auswirken.

Messeveranstalter

Die Veranstalter von Messen, Ausstellungen und Kongressen (IBISWorld Branchenreport N82.30DE) stehen ebenfalls vor enormen Herausforderungen. Die Veranstalter müssen gemäß dem Beschluss des Krisenstabs der Bundesregierung vom 28. Februar 2020 die Prinzipien des Robert Koch-Instituts zur Risikobewertung von Großveranstaltungen einhalten. Je nach Größe, Art und Ort der Veranstaltung muss beispielsweise eine Eingangskontrolle aller Teilnehmer vorgenommen werden. Dabei wird überprüft, ob ein Teilnehmer aus einem der definierten Risikogebiete stammt oder mit Personen aus diesen Gebieten Kontakt hatte. Aufgrund der verschärften Auflagen sahen sich bereits einige Veranstalter gezwungen, ihre Messen, Ausstellungen und Kongresse zu verlegen oder komplett abzusagen. So wurde beispielsweise am 28. Februar 2020 mit der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin die größte internationale Reisemesse nur fünf Tage vor ihrer Eröffnung abgesagt. Auch die Leipziger Buchmesse, die am 12. März beginnen sollte, wird dieses Jahr nicht stattfinden.

Wachstumspotenziale

Während viele Branchen negative Effekte befürchten müssen, können andere Branchen wiederum von den Folgen der Ausbreitung des Coronavirus profitieren. Aufgrund des Hauptübertragungswegs der Krankheit, der Tröpfcheninfektion, ist unter anderem eine gründliche Handhygiene zum Schutz vor der Infektion wichtig. Hiervon profitieren beispielsweise die Hersteller von Seifen und anderen Reinigungsmitteln (IBISWorld Branchenreport C20.41DE), die nun eine höhere Nachfrage nach Branchenprodukten verzeichnen und Umsatzsteigerungen erwarten können. Daneben steigt auch die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln und Schutzmasken. Aufgrund der erhöhten Nachfrage nach diesen Produkten können zum Beispiel Apotheken (IBISWorld Branchenreport G47.73DE) oder Drogerien (IBISWorld Branchenreport G47.75DE) unerwartete Umsatzsteigerungen erzielen.

Die endgültigen Auswirkungen des Coronavirus auf die deutsche und globale Wirtschaft sind jedoch nur sehr schwer absehbar. Da es sich vor allem bei deutschen Exporten nach China selten um Konsumgüter, sondern vielmehr um Investitionsgüter handelt, könnte es lediglich zu einem Aufschub der Nachfrage kommen. Sobald sich die Lage in China erholt hat, wird der chinesische Automobilmarkt voraussichtlich wieder florieren, was die Nachfrage nach deutschen Kraftfahrzeugen wieder ankurbeln dürfte. Dennoch werden viele Akteure zeitweilig Umsatzeinbrüche durch Nachfragerückgänge und Produktionsausfälle oder unerwartete Kosten aufgrund des erhöhten organisatorischen Aufwands hinnehmen müssen.

 

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

C20.41DE - Herstellung von Seifen, Wasch-, Reinigungs-, und Poliermitteln

C25.50DE - Herstellung von Schmiede-, Press-, Zieh- und Stanzteilen

C25.62DE - Mechanische Bearbeitung von Metallteilen

C28.15DE - Herstellung von Antriebselementen

C29.10DE - Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenmotoren

C29.30DE - Herstellung von Teilen und Zubehör für Kraftwagen

G47.73DE - Apotheken

G47.75DE - Einzelhandel mit kosmetischen Erzeugnissen und Körperpflegemitteln

H50.10DE - Personenbeförderung in der See- und Küstenschifffahrt

H51.10DE - Personenbeförderung in der Luftfahrt

H52.23DE - Flughäfen

N82.30DE - Messe-, Ausstellungs- und Kongressveranstalter

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoranalysen:

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Bruttoinlandsprodukt Chinas

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Globales Handelsvolumen