Germany / Coronavirus Insights
Folgen staatlicher Coronavirus-Hilfen im Reisesektor

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by Johannes Meichsner
Apr 29 2020

Wettbewerbsverzerrungen sind wohl nicht zu vermeiden

Insbesondere seit März 2020 hat die ausgebrochene Coronavirus-Pandemie zu massiven Einschränkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland geführt. Die Pandemie dürfte auch nach ihrem Abklingen eine schwer geschädigte Wirtschaft hinterlassen, weswegen die Bundesregierung diverse finanzielle Gegenmaßnahmen mit möglicherweise wettbewerbsverzerrenden Folgen ergreift.

Hintergrund

Seit März 2020 müssen Firmen aus dem Reisesektor aufgrund der Coronavirus-Pandemie ihre stationären Verkaufsstellen geschlossen halten. Hierzu zählen beispielsweise Reisebüros (IBISWorld Branchenreport N79.11DE), Reiseveranstalter mit stationärer Verkaufsstelle (IBISWorld Branchenreport N79.12DE) sowie stationäre Vertriebsstellen von Ticketing-Dienstleistern (IBISWorld Branchenreport N79.90DE). Durch die Pandemie hat sich das Geschäftsklima in Deutschland (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Geschäftsklima) deutlich verschlechtert und auch das Konsumklima trübt sich ein (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Konsumklima). Unternehmen, die bereits im Vorfeld wirtschaftliche Schwierigkeiten hatten, leiden besonders stark durch die Krise.

Passagierfluggesellschaften (IBISWorld Branchenreport H51.10DE) sind durch den Wegfall von Reisenden (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Ankünfte ausländischer Reisender) und Reiserestriktionen schwer von der Pandemie betroffen. Die Airline Condor konnte im April 2020 nur durch einen KfW-Kredit in Höhe von 550 Millionen Euro gerettet werden. Sie steckte bereits zuvor unverschuldet wegen der Insolvenz des Mutterkonzerns Thomas Cook in Schwierigkeiten. Die Lufthansa AG führt momentan nur noch rund 5 % ihrer Flüge durch.

Staatliche Unterstützung

Von der Pandemie geschädigte kleine und mittlere Unternehmen können eine nicht rückzahlungspflichtige Soforthilfe des Bundes beantragen. Die Bundesländer ergänzen diese durch eigene Förderprogramme. Dadurch beträgt die maximale Fördersumme je nach Bundesland bis zu 60.000 Euro. Sie gilt für Unternehmen mit bis zu 250 Beschäftigten. Im Rahmen eines speziell auf die aktuelle Krisensituation angepassten Kreditprogramms können Unternehmen zinsgünstige Darlehen von der staatlichen KfW-Bank erhalten. Diese werden ausschließlich über Partnerbanken vergeben. Das Kreditprogramm ist in verschiedene Stufen unterteilt, je nach Dauer der Marktzugehörigkeit und der Mitarbeiteranzahl. In der untersten Stufe können Unternehmen beispielsweise eine Maximalförderung von 800.000 Euro zu einem Zinssatz von 3 % mit einer Laufzeit von 10 Jahren erhalten. 100 % des Risikos werden von der KfW getragen. Zudem müssen die Unternehmen einen Gewinn für das Jahr 2019 oder für den Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2019 nachweisen. Weitere Prüfungen werden seitens der KfW nicht vorgenommen. Für größere Unternehmen gilt diese Regelung zwar nicht, dafür werden sie aber genauer auf ein funktionierendes Geschäftsmodell hin überprüft. Bei ihnen richtet sich die maximal mögliche Kreditsumme nach verschiedenen Kriterien, beispielsweise, dass maximal 25 % des Jahresumsatzes des Jahres 2019 ausbezahlt wird. Des Weiteren übernimmt die KfW nur für 80 bis 90 % der Darlehenssumme die Haftung, der Rest entfällt auf die vermittelnde Bank. Über das Kurzarbeitergeldprogramm der Bundesagentur für Arbeit können Unternehmen bei den Gehaltskosten enorm entlastet werden und auf Antrag sind zinslose Steuerstundungen beim zuständigen Finanzamt möglich.

 

 

Effekte durch staatliches Eingreifen

Eine fehlende staatliche Intervention hätte den Effekt gehabt, dass sich eine gegebene disruptive Entwicklung in einer Branche deutlich stärker beschleunigen kann. In der Reisebranche gewinnt der Online-Vertrieb (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Digitalisierungsgrad) immer mehr an Relevanz. Aufgrund der geringeren Fixkosten können digitale Plattformen Krisen länger überstehen als stationäre Geschäfte. Ein fehlendes staatliches Eingreifen hätte somit beispielsweise zu einem Sterben stationärer Reisbüros in einem wesentlich größeren Ausmaß geführt, als dies nun der Fall sein wird, und Online-Reisebüros nach der Krise den Weg geebnet, wodurch diese stark profitiert hätten.

Zum Instrument der Soforthilfen ist festzuhalten, dass es ausschließlich für kleine bis maximal mittlere Unternehmen gilt. Somit erhöht es die Marktkonzentration der betroffenen Branchen nicht. Allerdings profitieren auch große Reiseveranstalter davon, wenn in Deutschland ein großes Vertriebsnetz unabhängiger Reisebüros bestehen bleibt. Der deutschland- und weltweit größte Reisekonzern, die TUI AG, hat von der KfW-Bank einen Kredit über 1,8 Milliarden Euro zur Bewältigung der Krise bekommen. Dieser wurde im Gegensatz zu Krediten für kleine Unternehmen erst nach einer speziellen Prüfung der Geschäftsfähigkeit der TUI AG gewährt. Auch spielte die Lobbyarbeit der TUI AG bei dieser Entscheidung eine Rolle. TUI gilt als systemrelevant, da die Reisen dieses Veranstalters in den meisten deutschen Reisebüros vertrieben werden, also auch in unabhängigen. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass in Grenzfällen bei größeren Unternehmen aufgrund des öffentlichen Drucks eher die Entscheidung für die Vergabe eines Kredits fällt, obgleich bei Krediten dieser Größenordnung auch die vermittelnde Bank eine Mithaftung von 10 bis 20 % trägt und somit ein gewisses Korrektiv bei einer Entscheidung darstellt. Für kleine Unternehmen gelten hingegen die beschriebenen härteren Kriterien bezogen auf die zu erzielenden Gewinne.

Einer der Gründe dafür, dass staatliche Finanzhilfen dieser Art sowie mögliche Kooperationen von Unternehmen nicht beanstandet werden dürften, ist der von der Europäischen Kommission veröffentlichte „befristete Rahmen für die Prüfung kartellrechtlicher Fragen der Zusammenarbeit von Unternehmen in durch den derzeitigen COVID-19-Ausbruch verursachten Notsituationen“. Dieser soll unternehmensübergreifende Kooperationen und die Hilfeleistung für Unternehmen, welche die Grundversorgung der Bevölkerung sichern, erleichtern.

Comeback staatlicher Industriepolitik?

Bei der Lufthansa AG wird momentan eine staatliche Beteiligung zunehmend wahrscheinlicher, da ein wirtschaftliches Überleben sonst immer unrealistischer wird. Auch bei Condor ist eine staatliche Beteiligung über einen Kredit hinaus nicht mehr auszuschließen. Diese beiden Unternehmen sind die einzigen unabhängigen Airlines in Deutschland von signifikanter Größe. TUIfly gehört zum TUI Konzern. Bei einer staatlichen Beteiligung dürften somit vor allem ausländische Wettbewerber benachteiligt werden, die allerdings oft selbst Staatsbeihilfen erhalten. Dies trifft auf die irische Fluggesellschaft Ryanair beispielsweise nicht zu.

Fazit

Staatliche Hilfen führen in jedem Fall zu Wettbewerbsverzerrungen, da die Marktmechanismen teilweise außer Kraft gesetzt werden. Unternehmen, die keine Kredite mehr auf normalem Weg erhalten können, müssten daher Insolvenz beantragen. Durch die staatliche Unterstützung wird versucht, den Status quo vor der Krise zumindest in Teilen beizubehalten und eine deutlich erhöhte Zahl an Insolvenzen zu vermeiden. Es ist zudem auch nicht auszuschließen, dass es in Branchen, in denen es systemrelevante Akteure gibt, zu einer erhöhten Marktkonzentration kommen kann, da einige Großkonzerne bei der Kreditvergabe bevorzugt werden. Jedoch findet gerade bei Ihnen eine sorgfältigere Prüfung statt. Entscheidend wird zudem sein, wie schnell sich die staatlichen Akteure nach der Krise wieder aus der Privatwirtschaft zurückziehen werden.

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

H51.10DE - Personenbeförderung in der Luftfahrt

N79.11DE - Reisebüros       

N79.12DE - Reiseveranstalter

N79.90DE - Erbringung sonstiger Reservierungsdienstleistungen

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoren:

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Geschäftsklima

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Konsumklima

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Ankünfte ausländischer Reisender

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Digitalisierungsgrad