Germany / Coronavirus Insights
Die Abhängigkeit Deutschlands von Arzneimitteln und Medizinprodukten aus Asien

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by Sabrina Heber
Jul 21 2020

Um die medizinische Versorgung sicherzustellen, sollen die Hersteller von Arzneimitteln und Medizinprodukten in Europa gestärkt werden

Der Ausbruch der Coronavirus-Krise hat die hohe Abhängigkeit Europas von der Versorgung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten aus Asien offenbart. Im Rahmen seiner halbjährigen EU-Ratspräsidentschaft, die am 1. Juli 2020 begann, thematisiert Deutschland die Rückverlagerung der Produktion von Arzneimitteln und Medizinprodukten nach Europa, um dem entgegenzuwirken. Außerdem soll eine europäische Reserve, bestehend aus kritischen Arzneien und Medizinprodukten wie Atemschutzmasken, angelegt werden. Im Zuge der Coronakrise haben bereits mehrere branchenfremde Unternehmen die Produktion von Atemschutzmasken aufgenommen, um zum einen die negativen Folgen eigener Produktionsausfälle auszugleichen und zum anderen die medizinische Versorgung Deutschlands zu unterstützen.

Ende Januar verhängte die chinesische Regierung eine Ausgangssperre über Wuhan und andere Städte der chinesischen Provinz Hubei, in der sich mehrere Produktionsstätten für Wirkstoffe befinden. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte enthalten 153 in Deutschland zugelassene Arzneimittel in Hubei hergestellte Wirkstoffe. Dies bedeutet nicht, dass es keinen anderen Produktionsstandort gibt, verdeutlicht jedoch die hohe Abhängigkeit von einzelnen Regionen in Asien, insbesondere in China und Indien. Die deutschen Apotheken (IBISWorld Branchenreport G47.73DE) verzeichneten zwar schon vor der Coronakrise Lieferengpässe bei bestimmten Medikamenten, doch kam es im Zuge der Coronakrise vermehrt zu Störungen der Lieferketten. Über 500 Arzneimittel und Medizinprodukte sind laut des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte nicht kurzfristig lieferbar. Der Großhandel mit pharmazeutischen Erzeugnissen (IBISWorld Branchenreport G46.46DE) sieht jedoch die Arzneimittelversorgung auch während der Pandemie als gesichert an. Nun wächst der Druck auf die Unternehmen seitens der Politik, die Herstellung von pharmazeutischen Wirkstoffen und Erzeugnissen (IBISWorld Branchenreporte C21.10DE und C21.20DE) wieder in die Europäische Union zurückzuverlagern. Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft wurde dies als ein gesundheitspolitisches Ziel formuliert, das dazu beitragen soll, die starke Abhängigkeit Europas von Lieferanten aus China und Indien zu reduzieren.

Auch im Bereich der Medizinprodukte, vor allem im Bereich der Atemschutzmasken, hat die Coronakrise die Abhängigkeit Europas von asiatischen Herstellern offengelegt. Während Krankenhäuser (IBISWorld Branchenreport Q86.10DE) bereits unter normalen Umständen rund 17 Millionen FFP2-Masken sowie 45 Millionen OP-Masken benötigen, rechnet die Bundesregierung im Rahmen der Coronavirus-Pandemie mit einem Bedarf von bis zu 450 Millionen FFP2-Masken und rund einer Milliarde OP-Masken bis zum Ende des Jahres. Zum 1. Juni trat eine novellierte Förderrichtlinie zur Herstellung von Schutzmasken in Kraft, in deren Rahmen die Bundesregierung die Förderung von Investitionen in Anlagen zur Fertigung von FFP2- und FFP3-Masken mit europäischem Standard ausweitet. „So stärken wir die europäische Unabhängigkeit von Lieferengpässen, tragen zur erfolgreichen Bekämpfung von Pandemien bei und sichern gleichzeitig Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland.“, äußerte sich Bundeswirtschaftsminister Altmaier zur Ausweitung der Fördermaßnahmen für die Maskenproduktion. Außerdem haben 49 Unternehmen den Zuschlag bei der Ausschreibung des Bundesgesundheitsministeriums für Schutzmasken bekommen. So kauft das Ministerium wöchentlich 40 Millionen OP-Masken und 10 Millionen FFP2-Masken, die spätestens ab August verfügbar sein sollen. Bis Ende 2021 besteht eine Abnahmegarantie. Viele der Unternehmen, die den Zuschlag bekommen haben, stammen aus der Textilindustrie (IBISWorld Branchenreporte C13.96DE und C14.00DE) und stellen aufgrund der derzeitig schwachen Nachfrage nach Bekleidung und sonstigen Textilien ihre Produktion um. Um eine zuverlässige Versorgung mit Atemschutzmasken zu gewährleisten, wird auch die Herstellung des dafür benötigten Vlieses ausgebaut. Auch die Hersteller von Vlies-Maschinen sowie Maschinen zur Verarbeitung des Vlieses für Masken verzeichnen eine erhöhte Nachfrage. Es bleibt jedoch fraglich, ob die Neueinsteiger in den Markt der Medizintechnologie angesichts des Inkrafttretens der EU-Verordnung für Medizinprodukte die hohen Anforderungen an Medizinprodukte erfüllen können und ob sie die Produktion von Schutzmasken gegebenenfalls wieder einstellen müssen.

Die Coronakrise hat die bereits seit längerem kritisierte Abhängigkeit europäischer Länder von Asien im Bereich der Arzneien und Medizinprodukte in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und den Anstoß zu Plänen zur Rückverlagerung der Produktion nach Europa gegeben. In Deutschland wurden bereits verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die heimische Produktion anzukurbeln, jedoch bleibt abzuwarten, wie langfristig diese wirken. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft dürfte weitere Entwicklungen und Erkenntnisse zu dem Thema mit sich bringen.

 

Erwähnte Branchenreporte:

IBISWorld Branchenreport C21.10DE

IBISWorld Branchenreport C21.20DE

IBISWorld Branchenreport C13.96DE

IBISWorld Branchenreport C14.00DE

IBISWorld Branchenreport G46.46DE

IBISWorld Branchenreport G47.73DE

IBISWorld Branchenreport Q86.10DE