Germany / Analyst Insights
Kontaktloses Einkaufen

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by Annemarie Alexander
Oct 01 2020

Wie die Pandemie dem Seamless Commerce auf die Sprünge hilft

Das kontaktlose, bzw. kontaktarme Einkaufen wurde von den Verbrauchern in Deutschland in den vergangenen Jahren nur zögerlich angenommen. Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern stark von einer Bargeldkultur geprägt, was der Implementierung von Lösungen im Bereich des Seamless Commerce bisher im Weg stand. Durch die Abstandsregeln, mit denen die Coronavirus-Pandemie eingedämmt werden sollte, stieg jedoch die Akzeptanz derartiger Angebote drastisch an.

Self Checkout

Verschiedene Lösungen sind dem kontaktarmen bzw. kontaktlosen Einkaufen zuzurechnen. Zu diesen zählt beispielsweise der Self Checkout, bei dem die Verbraucher an Selbstbedienungskassen (SB-Kassen) ihre Waren einscannen und bezahlen, ohne mit einem Kassierer in Kontakt zu kommen. Ein Beispiel für die frühe Implementierung derartiger Kassensysteme ist der Möbeleinzelhändler Ikea (IBISWorld Branchenreport G47.59DE). Für vier Kassen wird bei Ikea lediglich eine Aufsichtskraft benötigt, welche die Kunden bei der Bedienung der SB-Kassen unterstützt, nicht vier Kassierer. Dies reduziert den Personalaufwand und zudem die Belastung des einzelnen Angestellten, sodass sich gleichzeitig auch die Mitarbeiterzufriedenheit verbessert. Die Zahl der SB-Kassen ist in Deutschland jedoch bisher gering. Im Jahr 2019 handelte es sich laut dem Handelsforschungsinstitut EHI bei lediglich 4.760 der rund 1 Million Kassen in Deutschland um SB-Kassen. Von diesen sind rund zwei Drittel im Lebensmitteleinzelhandel (IBISWorld Branchenreport G47.11DE) zu finden. Rund 970 Märkte ermöglichten 2019 die Nutzung von SB-Kassen, während es 2015 lediglich 320 Märkte waren. Die Hersteller von SB-Kassen dürften in den nächsten Jahren aufgrund der wachsenden Akzeptanz der Verbraucher als Folge der aktuellen Abstandsregeln ein Umsatzwachstum erfahren. Von dieser Entwicklung werden voraussichtlich auch Anbieter von IT-Lösungen wie Diebold Nixdorf (IBISWorld Branchenreport C26.20DE) profitieren.

Einkaufen per App

Auch Baumärkte sind Vorreiter im Bereich des kontaktarmen Einkaufens (IBISWorld Branchenreport G47.52DE). Neben der Implementierung von SB-Kassen experimentieren die Baumarktbetreiber auch mit weiteren technischen Neuerungen. Dazu zählt das mobile Self Scanning mithilfe einer App, wie sie der Baufachmarkt Hornbach zuletzt einführte. Hierbei scannen die Verbraucher mit ihrem Smartphone alle Produkte, die sie im Laden erwerben möchten, bereits kurz nach der Entnahme aus dem Regal, sodass diese auf einem digitalen Kassenzettel gespeichert werden können. Die Bezahlung erfolgt dann wahlweise über die App oder an einem Schalter im Ausgangsbereich des Marktes. Am Ausgang wird auch der Diebstahlschutz für alle bezahlten Artikel automatisch außer Kraft gesetzt. Durch das Self Scanning verkürzen sich die Warteschlangen im Kassenbereich noch stärker als durch SB-Kassen. Im Jahr 2019 boten laut Angaben des Handelsinstituts EHI 96 Märkte in Deutschland das Self Scanning an, 2015 waren es dagegen erst 25 Märkte.

Doch die nahtlose Konsumerfahrung umfasst noch mehr als nur das eigenständige Bezahlen. Einige Bekleidungseinzelhändler (IBISWorld Branchenreport G47.71DE) versuchen, die Konsumentenerfahrung mittels der Einbindung von Apps und Online-Lösungen zu verbessern. Damit soll ein nahtloser Übergang zwischen dem E-Commerce und dem stationären Einzelhandel hergestellt werden, was den Verbrauchern, die immer mehr Informations- und Kommunikationstechnologien nutzen, entgegenkommt (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Digitalisierungsgrad). Beispielsweise können Bekleidung und Schuhe bereits online zusammengestellt und personalisiert werden, um dann an Läden ausgeliefert zu werden, in denen die Produkte anprobiert und bei Gefallen mitgenommen werden können. Dies macht ein gezielteres Liefermanagement möglich und spart somit Verkaufsfläche. Umgekehrt können solche Waren auch online bestellt und direkt an den Kunden geliefert werden, die Rückgabe kann jedoch im stationären Ladengeschäft erfolgen. Insgesamt verbessert die Einbindung von Online-Kanälen die Eigenständigkeit des Kunden, was dazu führt, dass in den stationären Einzelhandelsgeschäften weniger Personal benötigt wird.

Near Field Communication

Die wichtigste Innovation im Bereich des Seamless Commerce ist das kontaktlose Bezahlen. Die EC- oder Kreditkarte wird dabei an der Kasse auf einen Kartenleser aufgelegt, um den Bezahlvorgang abzuwickeln, sodass die Eingabe einer PIN entfällt und der Kartenleser nicht berührt werden muss. Dieser Aspekt ist besonders für den Infektionsschutz relevant. Das kontaktlose Bezahlen kann auch über Smartphone-Apps erfolgen. Wichtige Anbieter solcher Apps sind Apple und Google mit ihren Angeboten Apple Pay und Google Pay (IBISWorld Branchenreport J58.29DE). Um das kontaktlose Bezahlen überhaupt erst möglich zu machen, muss auch vonseiten der Banken (IBISWorld Branchenreport K64.19b) und vonseiten der Hersteller von Kartenlesegeräten die notwendige Technologie für Karten und Konten implementiert werden. Diese Technologie nennt sich Near Field Communication (NFC). NFC ist bereits durch Zugangskarten an Zimmertüren, beispielsweise in Hotels (IBISWorld Branchenreport I55.10DE), bekannt. So wird mithilfe eines Signals mit äußerst kurzer Reichweite ein Chip in einer Karte durch das Lesegerät kontaktlos ausgelesen. Als wichtigster Anbieter dieser und anderer Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr galt bis vor kurzem Wirecard. Das Unternehmen geriet Mitte 2020 in die Schlagzeilen, nachdem weitreichende Bilanzfälschungen durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) aufgedeckt wurden. Wirecard konnte daraufhin nicht mehr als zahlungsfähig eingestuft werden und musste im Juni 2020 Insolvenz anmelden. Jedoch ist zu erwarten, dass in die entstandene Marktlücke bald neue Anbieter eintreten werden, um von dem zukunftsträchtigen Markt für kontaktlose Bezahlangebote zu profitieren.

Fazit

Im Jahr 2020 dürfte aufgrund der Abstandsregeln die Akzeptanz des kontaktarmen Einkaufens in der Bevölkerung zunehmen. Gleichzeitig erkennen auch immer mehr Händler das Potenzial dieser Technologien an, das dazu beiträgt, Personal zu reduzieren. Dementsprechend ist künftig mit einer stärkeren Implementierung derartiger Lösungen zu rechnen, ein Umbruch, dem die Einzelhandelsbranchen in Deutschland nun wohl nicht mehr ausweichen können.

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

C26.20DE – Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten und peripheren Geräten

G47.11DE – Supermärkte und Discounter

G47.52DE – Baumärkte

G47.59DE – Einzelhandel mit Möbeln, Einrichtungsgegenständen und sonstigem Hausrat

G47.71DE – Einzelhandel mit Bekleidung

I55.10DE – Hotels, Gasthöfe und Pensionen

J58.29DE – Verlegen von Software

K64.19bDE – Kreditinstitute des Sparkassensektors

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoren:

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Digitalisierungsgrad