Germany / Analyst Insights
Expansion der Low-Cost-Carrier und die Reaktion der Lufthansa Group

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by Johannes Meichsner
Aug 12 2020

Die Lufthansa Group übernimmt Elemente des Geschäftsmodells der Low-Cost-Carrier

Die Gegenwart wird von der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Rezession (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Bruttoinlandsprodukt) und dem Klimawandel, der das Umweltbewusstsein der Gesellschaft (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Umweltbewusstsein) verstärkt, geprägt. Auch nach dem Abklingen der Pandemie dürften Flugreisen für einige Jahre aufgrund der Rezession in deutlich geringerem Umfang nachgefragt werden. Sie werden ohnehin aufgrund der hohen Schadstoffemissionen immer stärker kritisiert. Hierbei geraten insbesondere die Low-Cost-Carrier (LCC) in den Fokus der öffentlichen Debatte, da erst sie das häufige Fliegen für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich gemacht haben.

1971 nahm Southwest Airlines (IBISWorld Branchenreport H51.10DE) ab Dallas den Betrieb auf. Sie gilt als der weltweit erste LCC und wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Vorbild für andere LCCs wie Ryanair, die seit Mitte der 1990er Jahre auf dieses Geschäftsmodell setzen. LCCs bieten zumeist nur ein Basispaket („no frills“) von im Standardticketpreis inkludierten Dienstleistungen an. Aufgrund der Entbündelung der Dienstleistungen können Zusatzwünsche der Kunden wie Speisen und Getränke sowie die Aufgabe von Gepäck nur durch die Zahlung eines Aufpreises erworben werden. Zusatzdienstleistungen werden in der Luftfahrtbranche als „Ancillaries“ bezeichnet. Die LCCs versuchen, die Kosten auch durch diverse andere Maßnahmen zu senken. Viele Dienstleistungen werden beispielsweise an Subunternehmen ausgelagert, die sich auf einen bestimmten Prozess wie das Ticketing spezialisiert haben. Durch ihr komplexes Gesellschaftskonstrukt und das relativ flexible irische Arbeitsrecht kann die irische Ryanair beispielsweise viele Piloten auf freiberuflicher Basis beschäftigen. Auch die globalen Distributionssysteme (GDS), die es Reisebüros und Ticketing-Dienstleistern (IBISWorld Branchenreporte N79.11DE und N79.90DE) ermöglichen, über eine zumeist von der Airline zu tragende Gebühr Flugsitze zu reservieren und zu buchen, werden von den LCCs aus Kostengründen oft gemieden und Flüge können somit nur über deren jeweiligen Online-Auftritt gebucht werden. Eine direkte Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern (IBISWorld Branchenreport N79.12DE) findet deshalb bei klassischen LCCs nur in wesentlich geringerem Umfang als bei herkömmlichen Fluggesellschaften (Legacy Carrier) statt. Für die LCCs steht insbesondere die Verschlankung der geschäftlichen Prozesse im Vordergrund, da durch die Verringerung der Komplexität enorme Kosten eingespart werden können, beispielsweise beim Personal oder für Entschädigungszahlungen infolge von Flugverspätungen. Diese treten bei Umsteigeverbindungen vermehrt auf. Daher setzen klassische LCCs nur auf Direktverbindungen. Im Hybrid-Geschäftsmodell, zum Beispiel bei Eurowings, werden jedoch auch Flüge mit Zwischenstopp angeboten. Ultra-LCCs verfolgen einen noch radikaleren, gegenteiligen Ansatz, bei dem sogar das Handgepäck stärker reglementiert oder nicht mehr inklusive ist. Die amerikanische Spirit Airlines und Ryanair verfolgen zum Teil ähnliche Konzepte. Ryanair und andere ausländische LCCs fliegen seit 2012 verstärkt deutsche Großflughäfen (IBISWorld Branchenreport H52.23DE) an, worauf die Lufthansa AG reagieren musste.

Ab 2015 hat die Lufthansa AG ihre deutschen Flüge abseits der Drehkreuze Frankfurt und München auf ihre Marke Eurowings übertragen, die noch als gemeinsame Plattform für verschiedene kleinere konzerninterne Airlines dient. Es wird jedoch im Zuge der Coronavirus-Krise eine Vereinheitlichung der Flugbetriebe angestrebt. Bereits 2012 hat die Lufthansa AG ein umfangreiches Sparprogramm mit dem Namen SCORE für ihren Verwaltungsapparat initiiert, um gegenüber externen LCCs und Fluglinien vom Persischen Golf wie Qatar Airways kosteneffizienter zu werden. Über Tochtergesellschaften wie Lufthansa Global Business Services und Lufthansa InTouch werden immer mehr Verwaltungsprozesse und Aufgaben der Kundenbetreuung in Länder mit einem niedrigeren Lohnniveau wie Polen oder auf die Philippinen übertragen. Neue Sparprogramme infolge der Coronavirus-Krise dürften diese Entwicklung noch verstärken.

Fazit

Die LCCs dürften sich in den kommenden Jahren auch aufgrund der Coronavirus-Krise stärker am Markt durchsetzen, da krisenbedingt das durchschnittliche monatliche Haushaltsnettoeinkommen auf ein niedrigeres Niveau gesunken ist und auch das Konsumklima noch einige Jahre eingetrübt bleiben dürfte (IBISWorld Einflussfaktoranalysen Monatliches Haushaltsnettoeinkommen und Konsumklima). Elemente des Geschäftsmodells der LCCs wie die Entbündelung von Dienstleistungen finden sich auch bei immer mehr Legacy Carriern wieder. Hierbei müssen diese jedoch darauf achten, ihre Reputation nicht durch eine übermäßige Markenspreizung („brand stretching“) zu gefährden. Ein umfangreiches Angebot an Ancillaries zur Buchung, die jedoch nicht in den Ticketpreisen inkludiert sind, wie dies beispielsweise bei Mietwagen (IBISWorld Branchenreport N77.11DE) der Fall ist, wird hingegen von den Kunden als Bereicherung wahrgenommen. Nur wenn die Legacy Carrier dabei noch in der Lage sind, eine gewisse Exklusivität zu wahren, können sie die höheren Preise gegenüber LCCs rechtfertigen. Allenfalls können sie eine Senkung des Kostenniveaus in für Kunden nicht sichtbaren Prozessen oder generell durch Einschränkungen beim Personal anstreben. IBISWorld erwartet, dass sich der Marktanteil der LCCs in Deutschland bis 2025 von aktuell rund einem Drittel auf bis zu 50 % erhöht, was zur Folge haben dürfte, dass sich Legacy Carrier in Zukunft hauptsächlich auf die Langstrecke und die notwendigen Zubringerflüge konzentrieren.

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

H51.10DE - Personenbeförderung in der Luftfahrt

H52.23DE - Flughäfen

N77.11DE - Vermietung von Pkw

N79.11DE - Reisebüros

N79.12DE - Reiseveranstalter

N79.90DE - Ticketing-Dienstleistungen

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoren:

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Bruttoinlandsprodukt

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Umweltbewusstsein

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Monatliches Haushaltsnettoeinkommen

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Konsumklima