Germany / Analyst Insights
Expansion der Low-Cost-Carrier mit Fokus auf ausländische Anbieter

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by Johannes Meichsner
Aug 20 2020

Ryanair und Wizz Air dürften die großen Gewinner der Coronavirus-Krise sein

Die Coronavirus-Krise beeinträchtigt den Flugverkehr (IBISWorld Branchenreport H51.10DE) enorm. Dies gilt nicht nur für das operative Geschäft, sondern bezieht sich auch darauf, dass im Allgemeinen wegen des deutlich eingetrübten Geschäfts- und Konsumklimas (IBISWorld Einflussfaktoranalysen Geschäftsklima und Konsumklima) weniger Flugreisen gebucht werden. Der Lufthansa CEO Carsten Spohr rechnet damit, dass sein Konzern erst 2024 das Vorkrisenniveau der Passagierzahlen von 2019 erreichen wird. Der Low-Cost-Carrier (LCC) Ryanair hingegen, der im Jahr 2019 152,4 Millionen Passagiere beförderte und vor der Krise für das Jahr 2024 180 Millionen Passagiere anvisierte, hat nun sogar seine Prognose für 2024 auf 200 Millionen Passagiere erhöht, rund ein Drittel über dem Vorkrisenwert. In Europa kann nur der ungarische LCC Wizz Air eine ähnliche Wachstumsdynamik vorweisen.

Ende der 1980er Jahre stieß Michael O’Leary zu der damals hochdefizitären Ryanair. Er wurde 1993 CEO und kopierte in den 1990er Jahren das Geschäftsmodell des bereits erfolgreichen LCCs Southwest Airlines aus Texas. Es wurde nur noch eine Sitzklasse angeboten und der Service wurde auf das Nötigste begrenzt. Annehmlichkeiten wie Speisen an Bord und aufzugebendes Gepäck wurden gestrichen bzw. waren nur noch gegen Aufpreis erhältlich. Ryanair zeichnet sich durch Kampfpreise aus, die intensiv beworben werden. Im Vergleich zu den 1990 und 2000er Jahren gestaltet Ryanair seinen Buchungsprozess nun zwar transparenter, dennoch werden die Kunden immer noch mit zahlreichen kostenpflichtigen Zusatzangeboten konfrontiert. Ryanair ist dafür bekannt, Flughäfen (IBISWorld Branchenreport H52.23DE) besonders strenge Bedingungen zu diktieren, wie die aktuell von Ryanair angedrohten Standortschließungen in Deutschland zeigen, und hohe Rabatte bei den Flughafengebühren auszuhandeln. In den 1990er und 2000er Jahren flog Ryanair fast ausschließlich Regionalflughäfen an, wo Ryanair oft die einzige Airline war, weswegen die Prozesse genau auf die Bedürfnisse von Ryanair abgestimmt werden konnten. 2012 begann die Expansionsstrategie von Ryanair in Deutschland hin zu größeren Flughäfen mit dem Start des Flugbetriebs in Köln, dem Heimatflughafen der Germanwings. Diese Marke des Lufthansa-Konzerns wurde 2015 in Eurowings umbenannt. Die ungarische Wizz Air und andere LCCs wie EasyJet und Norwegian etablierten sich in den folgenden Jahren ebenfalls verstärkt an deutschen Großflughäfen, die den Kunden wichtige Vorteile wie eine Anbindung an den Eisenbahnfernverkehr (IBISWorld Branchenreport H49.10DE) bieten. EasyJet konnte beispielsweise jedoch die Berliner Basis nie wirklich profitabel betreiben, da die Airline nicht so kosteneffizient agierte wie Ryanair. Zudem wird sie als britische Airline durch den Brexit belastet. Ryanair setzt stark auf Subunternehmen und beschäftigt Piloten dank des liberalen irischen Arbeitsrechts und eines geschickten rechtlichen Vorgehens häufig als Freiberufler. Dadurch hat Ryanair seine Ausgaben in der Krise kurzfristig massiv senken können, während andere Airlines, insbesondere Legacy Carrier, enorme Verluste erwirtschafteten. Norwegian hat seine defizitären Langstreckenflüge für das aktuelle Jahr sogar eingestellt. Auf der Langstrecke tun sich LCCs ohnehin schwer, da Vorteile der LCCs wie die kurze Abfertigungszeit weniger stark ausgespielt werden können und Kunden die „no-frills“-Strategie, die nur das Basispaket ohne Speisen und Getränke beinhaltet, wegen der langen Flugdauer weniger gut annehmen. Dies zeigt auch die schon vor der Krise problembehaftete Langstreckenoperation von Eurowings. Wizz Air gilt als sanftere Variante eines LCCs, hinsichtlich des Umgangs mit Geschäftspartnern wie Flughäfen und gegenüber den Kunden. Da diese Airline insbesondere in Osteuropa eine große Vielfalt an Destinationen bietet, wird sie im Gegensatz zu Ryanair auch oft von Geschäftsreisenden genutzt. Sie ist ebenfalls sehr effizient aufgestellt mit einer geschickten Aufteilung der Verwaltung auf mehrere Länder und profitiert unter anderem davon, dass die Lohnkosten in Osteuropa erheblich geringer sind als beispielsweise in Deutschland.

Fazit

Nach den Marktaustritten von Air Berlin und Germania und der sich im Schutzschirmverfahren befindlichen Condor ist die Lufthansa Group der einzige verbliebende deutsche Branchenakteur mit Handlungsspielraum. Jedoch ist selbst dieser durch in Anspruch genommene Staatsbeihilfen in Höhe von 9 Milliarden Euro eingeschränkt, da damit auch die erzwungene Abgabe von Verbindungen an den Drehkreuzen in Frankfurt und München verbunden ist. Hiervon dürften insbesondere Ryanair und Wizz Air profitieren. Diese LCCs investieren zudem gerade umfassend in ihre Digitalkompetenzen (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Digitalisierung). Ryanair möchte zum Amazon des Reisens werden. Hiermit soll unter anderem ausgeglichen werden, dass die Buchbarkeit über klassische Vertriebswege wie Reisebüros, Reiseveranstalter und Ticketing-Dienstleister (IBISWorld Branchenreporte N79.11DE, N79.12DE, N79.90DE) nicht oder nur unter Einschränkungen gegeben ist. Während etablierte Airlines wie die Lufthansa ihre Prozesse nur durch enorme Umstrukturierungen verschlanken können, können Ryanair und Wizz Air mit ihren ohnehin schlanken Strukturen beim Ausbau ihrer Aktivitäten von den Fehlern anderer lernen und diese von vornherein vermeiden.

 

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

H49.10DE - Personenbeförderung im Eisenbahnfernverkehr

H51.10DE - Personenbeförderung in der Luftfahrt

H52.23DE - Flughäfen

N79.11DE - Reisebüros

N79.12DE - Reiseveranstalter

N79.90DE - Ticketing-Dienstleistungen

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoren:

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Digitalisierung

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Geschäftsklima

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Konsumklima