Germany / Analyst Insights
Den Trend zur Elektromobilität verschlafen?
by Martin Donnerer
May 06 2019

Viele Unternehmen vernachlässigten bisher das Thema, versuchen nun aber den Rückstand aufzuholen

Kein Thema dominiert das Transportwesen aktuell so sehr wie die Elektromobilität und die damit verbundene Entwicklung neuer Antriebs- und Energiespeichertechnologien. Nimmt die Elektromobilität zu, so erhöht sich auch der Bedarf an Akkumulatoren und anderen Energiespeichergeräten. Doch wie gut ist Deutschland in diesem Bereich aufgestellt und welche Branchen könnten von einer steigenden Nachfrage profitieren?

Die deutsche Branche der Herstellung von Batterien und Akkumulatoren wird 2019 voraussichtlich einen Gesamtumsatz von 3,9 Milliarden Euro erwirtschaften. Der Großteil des Umsatzes, nämlich 49,3 %,  wird dabei durch die Produktion von Bleiakkumulatoren, die in Starterbatterien Verwendung finden, generiert werden. Dabei handelt es sich jedoch um schwere, eher leistungsschwache Akkumulatoren, die in Elektrofahrzeugen nicht verbaut werden können. Für Elektrofahrzeuge sind nur Lithium-Ionen-Akkumulatoren relevant, durch sie wird jedoch momentan nur ein Umsatzanteil von 12,4 % erwirtschaftet. Dabei muss beachtet werden, dass es sich bei den in Deutschland produzierten Bauteilen in erster Linie um kleine Akkumulatoren für elektrische Geräte handelt (IBISWorld Branchenreport C27.20DE). Die Entwicklung von Akkumulatoren für Elektrofahrzeuge wurde dagegen bisher vernachlässigt. Um den Rückstand zu den Produzenten in den USA und China noch aufzuholen, müssten große Investitionen in Forschung und Entwicklung getätigt werden.

Geht man in der Wertschöpfungskette eine Stufe weiter und betrachtet die Herstellung von elektrischen Motoren, so zeigt sich auch hier, dass diese Industrie in Deutschland ihre Schwerpunkte abseits der Herstellung von Motoren für Elektroautos gesetzt hat. Die Branche dürfte 2019 einen Gesamtumsatz von 14,1 Milliarden Euro erzielen und damit drei Viertel ihres Umsatzes durch die Erzeugung von Transformatoren, Generatoren und elektrischen Kleinmotoren erwirtschaften. Die Branche der Herstellung von Mehrphasen-Wechselstrommotoren, die in Elektroautos eingesetzt werden, konzentriert sich mehr auf die Entwicklung von Motoren für den Maschinen- und Anlagenbau als für die Automobilindustrie (IBISWorld Branchenreport C27.11DE). Am Ende der Wertschöpfungskette steht schließlich die Automobilindustrie. Deren Produktion von Elektrofahrzeugen sorgt für eine steigende Nachfrage nach Akkumulatoren und Elektromotoren. Doch die deutschen Autobauer bilden bisher im Bereich der Elektromobilität das Schlusslicht. Die USA, Japan und mittlerweile auch China fördern dagegen massiv die Entwicklung von Elektroautos und die dort ansässigen Hersteller bringen regelmäßig neue Modelle auf den Markt. Deutsche Hersteller verschliefen diese Entwicklung bisher, versuchen nun aber aufzuholen (IBISWorld Branchenreport C29.10DE). Die Nachfrage ist jedoch bereits vorhanden. Elektrofahrzeuge erfreuen sich einer zunehmenden Beliebtheit auf dem deutschen Markt und die Händler konnten zuletzt immer mehr davon verkaufen (IBISWorld Branchenreport G45.11DE). Trotz ihrer steigenden Popularität ist ihr Anteil auf den deutschen Straßen sehr gering. 2018 waren 53.816 Elektroautos in Deutschland zugelassen, was lediglich einem Anteil von 0,1 % aller zugelassenen Pkw entspricht. Werden Hybridautos hinzugerechnet, erhöht sich ihr Anteil auf 0,6 % (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Zugelassene Pkw).

 

 

Auch wenn die Bedeutung Deutschlands bei der Produktion von Technologien und Geräten für die Elektromobilität eher gering ist, wird dieser Bereich in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Dafür sorgen nicht nur die Hersteller von Elektroautos, sondern auch andere Branchen, die in den nächsten Jahren stärker auf Elektromotoren setzen werden. Die Unternehmen der Güterbeförderung im Straßenverkehr beispielsweise (IBISWorld Branchenreport H49.41) arbeiten mit Hochdruck an der Einführung von Elektromotoren und von selbstfahrenden Lkw . Auch die Anbieter der Personenbeförderung im Omnibus-Linienverkehr (IBISWorld Branchenreport H49.39a) setzen vermehrt auf elektrisch betriebene Busse. Des Weiteren  erhöhen auch die Schifffahrtsunternehmen den Druck auf die Werften, stärker in die Entwicklung elektrischer Antriebe zu investieren (IBISWorld Branchenreport H50.20).

Möchte Deutschland zu den führenden Nationen auf dem Gebiet der Elektromobilität gehören, so müssen sich mehrere Industriezweige neu ausrichten und stärker in alternative Antriebssysteme investieren. Denn so viel ist klar: Die Zukunft wird elektrisch.

 

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

IBISWorld Branchenreport C27.20DE – Herstellung von Batterien und Akkumulatoren

IBISWorld Branchenreport C27.11DE – Herstellung von Generatoren, Transformatoren und Elektromotoren

IBISWorld Branchenreport C29.10DE – Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenmotoren

IBISWorld Branchenreport G45.11DE – Handel mit Kraftwagen mit einem Gesamtgewicht von 3,5 t oder weniger

IBISWorld Branchenreport H49.39aDE – Personenbeförderung im Omnibus-Linienfernverkehr (inkl. Fernbusse)

IBISWorld Branchenreport H49.41DE – Güterbeförderung im Straßenverkehr

IBISWorld Branchenreport H50.20DE – Güterbeförderung in der See- und Küstenschifffahrt

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoren:

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Zugelassene Pkw