Germany / Analyst Insights
Dunkle Datenwolken ziehen auf
by Martin Donnerer
Jul 02 2019

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft macht auch vor den Unternehmen nicht halt. Egal ob Industriebetrieb oder Dienstleister, sie alle müssen in den nächsten Jahren in neue Technologien investieren, um nicht den Anschluss zu verlieren. Dabei treibt vor allem die Cloud-Technologie Innovationen und Veränderungen voran, doch nähern sich die Unternehmen in Deutschland dem Thema nur äußerst vorsichtig an.

Um die Bedeutung dieser Technologie für die Wirtschaft zu verstehen, muss man zuerst einmal die Technologie selbst verstehen. Bei Cloud-Anwendungen handelt es sich um eine besondere Form der Infrastrukturbereitstellung. Mit Hilfe des Internets können Geräte auf vorhandene Infrastrukturen zugreifen, ohne über diese selbst verfügen zu müssen. Ein Beispiel dafür wäre, dass die Geräte in einem weit entfernten Produktionsstandort auf die Rechner in der Unternehmensverwaltung zugreifen und darauf Daten abspeichern können. Die Datenspeicherung erfolgt somit nicht mehr direkt vor Ort, sondern in einer sogenannten Cloud, die für alle Berechtigten zugänglich ist.

Entwickelt wurde die Technologie schon in den 1990er-Jahren, jedoch wurde sie erst in letzter Zeit aufgrund stabilerer Internetverbindungen und höherer Übertragungsraten populär. Mittlerweile stellt das Cloud-Hosting für die Unternehmen der Datenverarbeitung das wichtigste Produktsegment dar und ist für beinahe 35 % des Umsatzes verantwortlich (IBISWorld Branchenreport J63.11DE). Auch die Branche des Betriebs von Datenverarbeitungseinrichtungen für Dritte fokussiert sich immer stärker auf das Anbieten von Cloud-Lösungen. Der Industriezweig dürfte 2019 rund ein Fünftel seines Umsatzes durch die Zurverfügungstellung von Speicherplätzen in einer Cloud erwirtschaften (IBISWorld Branchenreport J62.03DE). Während das Anbieten digitaler Infrastrukturen bereits ein Teil der deutschen Wirtschaft ist, haben einheimische Softwareunternehmen nur eine minimale Bedeutung auf dem Markt. Die größten Cloud-Anbieter stammen fast ausschließlich aus den USA, deutsche Unternehmen konzentrieren sich dagegen lediglich auf die Programmierung von Nischenprodukten, da sie nicht mit Softwaregiganten wie Oracle, Microsoft und Amazon mithalten können, einzig das baden-württembergische Softwareunternehmen SAP entwickelt erfolgreich eigene Cloud-Lösungen (IBISWorld Branchenreport J62.01DE). So dominiert am deutschen Markt der Anbieter AWS, gefolgt von Amazon, Microsoft und Google.

Wichtiger als die Entwicklung ist jedoch die Nutzung von Cloud-Diensten. Bisher haben nur wenige Industriezweige Cloud-Technologien eingeführt. Zu den Spitzenreitern zählen dabei die Energieunternehmen und die Chemie- und Pharmaindustrie. In beiden Branchen nutzen über 80 % der Akteure bereits Cloud-Anwendungen. Weniger schnell erfolgt die Digitalisierung in anderen Bereichen, vor allem die Finanzbranche versäumte es bisher, darin zu investieren. Kreditbanken tätigten bisher zum Beispiel nur geringe Investitionen in den Aufbau von Cloud-Diensten (IBISWorld Branchenreport K64.19aDE). Zu hoch ist in der Branche die Angst vor Missbrauch und Datenlecks. Dass dies jedoch auch anders geht, zeigen diverse kleine, digitale Banken, die bereits eine Cloud-Infrastruktur nutzen. Auch die Lebensversicherungen verzichteten bisher auf einen großflächigen Einsatz (IBISWorld Branchenreport K65.11DE), dabei könnten vor allem Finanzunternehmen hier große Summen einsparen und ihre IT modernisieren.

Während die Finanzbranche den Wandel versäumt, nutzen andere Branchen die Technologie wesentlich freudiger. Ambulante Pflegedienste nutzen zum Beispiel verschiedene Cloud-Dienste, um die Erfassung von Patientendaten zu vereinfachen und sie leichter zugänglich zu machen (IBISWorld Branchenreport Q88.10DE). Auch kleine Dienstleister, die dezentral organisiert sind, wie Restaurants mit Selbstbedienung, setzen auf Cloud-Angebote. Dadurch können sich die einzelnen Betriebe die Kosten für eine eigene IT-Infrastruktur sparen (IBISWorld Branchenreport I56.12DE).

Es zeigt sich, dass die Bereitschaft, neue digitale Technologien zu nutzen, in Deutschland unterschiedlich groß ist. Während Dienstleister und das produzierende Gewerbe den Cloud-Anwendungen äußerst offen gegenüberstehen, zögern vor allem die Unternehmen aus der Finanzbranche. Zu groß sind ihre Bedenken bezüglich der Sicherheit und der Kontrolle über die Daten. Doch auch hier deutet sich eine Veränderung an, einige neue Finanzdienstleister beginnen nun langsam mit dem Aufbau von Cloud-Systemen, hauptsächlich Fintechs, die Cloud-Technologien in ihr Geschäftskonzept integrieren Der Grund dafür ist einfach; diesen Trend zu verpassen, kann sich kein Unternehmen leisten.

 

 

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

IBISWorld Branchenreport I56.12DE – Restaurants mit Selbstbedienung

IBISWorld Branchenreport J62.01DE – Programmierungstätigkeiten

IBISWorld Branchenreport J62.03DE – Betrieb von Datenverarbeitungseinrichtungen für Dritte

IBISWorld Branchenreport J63.11DE – Datenverarbeitung, Hosting und damit verbundene Tätigkeiten

IBISWorld Branchenreport K64.19aDE – Kreditbanken

IBISWorld Branchenreport K65.11DE – Lebensversicherungen

IBISWorld Branchenreport Q88.10DE – Ambulante Pflegedienste