Germany / Analyst Insights
Deutschland und der Traum vom Kohleausstieg
by Martin Donnerer
May 03 2019

Trotz der Einstellung der Steinkohle-förderung Ende 2018 spielt der Rohstoff Kohle nach wie vor eine wichtige Rolle für die Wirtschaft

Nur wenige Industriezweige waren in der Lage, die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft dermaßen zu prägen wie die Kohleförderung. Doch nun endet die Ära des Kohlebergbaus in Deutschland; Zechen werden stillgelegt und neue Energieformen gefördert. Davon sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen, denn Kohle spielt in Deutschland nach wie vor noch eine wichtige Rolle.

2007 wurden in Deutschland noch 22 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert, 2018 lag die Menge schließlich nur noch bei 2,7 Millionen Tonnen (IBISWorld Branchenreport B05.00DE). Die immer geringere Fördermenge entspricht jedoch nicht dem tatsächlichen Verbrauch. 2018 wurden in Deutschland insgesamt 229,1 Millionen Tonnen Kohle verbraucht und 37 % der Energie, die von deutschen Kraftwerken erzeugt wird, wird immer noch aus Kohle gewonnen. Den größten Anteil daran hat Braunkohle mit knapp 23 % und auch die Steinkohle hat, trotz der Beendigung ihrer Förderung, nach wie vor einen Anteil von 14 % an der Energieerzeugung (IBISWorld Branchenreport D35.10DE). Eine weitaus wichtigere Rolle spielt Kohle außerdem bei der Wärme- und Kälteversorgung (IBISWorld Branchenreport D35.30DE), denn 40 % der benötigten Energie wird mit Stein- oder Braunkohle gewonnen. Mit einem Anteil von 28 % ist die Steinkohle, nach Erdgas, sogar der wichtigste Energieträger der Branche. Eine kleine aber nicht zu verachtende Rolle spielt die Kohle auch bei der Gasversorgung. 2019 liegt der Anteil des Kokereigases voraussichtlich bei 1,7 % des Gesamtumsatzes der Branche (IBISWorld Branchenreport D35.20DE). Bei einem Gesamtumsatz von 47,4 Milliarden Euro entspricht das einer erzeugten Energie im Wert von über 800 Millionen Euro. Es ist daher eine Fehleinschätzung, zu glauben, dass mit dem Ende der Steinkohleförderung, die Steinkohle auch aus der deutschen Wirtschaft verschwindet, denn zahlreiche Industrien setzen nach wie vor auf diesen Energieträger. Das Ende der Förderung ist außerdem nur zu einem geringen Teil auf sich verstärkende Umweltbedenken zurückzuführen. Eine wesentlich wichtigere Rolle spielt dagegen der Weltmarktpreis für Kohle. In anderen Ländern kann Kohle wesentlich günstiger gefördert werden, Steinkohle aus Deutschland war daher sowieso nicht konkurrenzfähig am Markt. Zwar stieg der Weltmarktpreis für Kraftwerkskohle seit 2014 um durchschnittlich 3,3 % pro Jahr an (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Weltmarktpreis Kraftwerkskohle), jedoch lag der Preis weit unter dem Niveau, das erforderlich gewesen wäre, um die Förderung wirtschaftlich sinnvoll zu machen. Denn anders als in Australien oder China erfolgt der Abbau nicht in Einöden oder Wüsten sondern unweit von dicht besiedelten Regionen, wie im Ruhrgebiet. Dies erfordert eine besondere Vorsicht bei der Förderung und hohe Ausgaben für Sicherheit und moderne Fördersysteme. Um trotz dieser hohen Kosten am Markt bestehen zu können, erhielten die Steinkohleförderunternehmen von 2014 bis 2018 insgesamt 5,6 Milliarden Euro an direkten Subventionen (IBISWorld Branchenreport B05.00DE).

 

 

Die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, in der Öffentlichkeit auch oft einfach Kohlekommission genannt, empfahl nun zu Beginn des Jahres 2019 den Ausstieg aus der Braunkohleförderung bis 2038 durchzuführen. Als Begründung werden zunehmende Proteste der Bevölkerung gegen die Abbaumethoden und das gestiegene Umweltbewusstsein in Deutschland angeführt. Seit 2014 erhöhte sich die Sensibilität der Gesellschaft im Bereich von Umweltfragen um durchschnittlich 2 % pro Jahr (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Umweltbewusstsein). Trotz des öffentlichen Drucks sollten aber auch die weitreichenden Folgen beachtet werden, denn neben den Energieversorgern und Bergbaubetrieben betrifft diese Entwicklung auch verschiedene andere Branchen. So ist beispielsweise der Transport von Bergbau-Erzeugnissen für 30 % des Umsatzes in der Güterbeförderung im Eisenbahnverkehr verantwortlich (IBISWorld Branchenreport H49.20DE).

Es zeigt sich, dass der Ausstieg aus der Kohle mehr Schein als Sein ist. Trotz der Beendigung der Steinkohleförderung setzen Kraftwerke und Wärmeerzeuger nach wie vor auf diesen Energielieferanten. Die Beendigung der Braunkohleförderung bis zum Jahr 2038 darf auch nur mit Vorbehalt als Sieg für den Umweltschutz gefeiert werden, denn Studien der Bergbauunternehmen selbst deuten darauf hin, dass der Braunkohleabbau ohnehin nur bis maximal zum Jahr 2040 in Deutschland wirtschaftlich sinnvoll wäre. Dann wären die größten Vorkommen erschöpft und ein weiterer Abbau wäre mit enormen Mehrkosten verbunden. Während also das Ende des Kohleabbaus von ganz alleine kommt, wären Förderungen für erneuerbare Energien wesentlich sinnvoller.  Denn eines ist sicher: Der Abbau von Kohle belastet die Umwelt weniger stark als die Verbrennung von Kohle.

 

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

IBISWorld Branchenreport B05.00DE – Kohlenbergbau

IBISWorld Branchenreport D35.10DE – Elektrizitätsversorgung

IBISWorld Branchenreport D35.20DE – Gasversorgung

IBISWorld Branchenreport D35.30DE – Wärme- und Kälteversorgung

IBISWorld Branchenreport H49.20DE – Güterbeförderung im Eisenbahnverkehr

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoren:

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Weltmarktpreis Kraftwerkskohle

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Umweltbewusstsein