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Den Vertriebshorizont erweitern: der NDC-Standard

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by Johannes Meichsner
Feb 13 2020

Die Vertriebsmöglichkeiten von Reisedienstleistungen werden sich dank des New-Distribution-Capability-Standards (NDC) deutlich verbessern

Die Kunden des Reise- und Beherbergungssektors sehnen sich immer mehr nach Individualisierung, natürlich zu möglichst günstigen Preisen. In der Flugbranche führte dies zum Siegeszug der Günstigflieger, die nur wenige Standarddienstleistungen anbieten und häufig nur auf den reinen Online-Vertrieb setzen, um Reisebüros zu umgehen. Vor allem etablierte Fluglinien forcieren daher die Entwicklung des New-Distribution-Capability-Standards, eines neuen Vertriebsstandards, der mehr Elemente abbilden kann, aber dennoch kosteneffizienter ist als der herkömmliche GDS-Standard.

1960 etablierte American Airlines das erste globale Distributionssystem (GDS) namens Sabre, das zunächst nur für Airlines (IBISWorld Branchenreport H51.10DE) galt und dann schrittweise auf andere Reise- und Beherbergungssektoren wie die Pkw-Vermietung, den Bahnfernverkehr und den Hotelsektor (IBISWorld Branchenreporte N77.11DE, H49.10DE und I55.10DE) ausgeweitet wurde. Über ein globales Distributionssystem können Anbieter aus dem Reise- und Beherbergungssektor ihre freien Kapazitäten Reisebüros, Reservierungsdienstleistern, sowie teilweise auch Reiseveranstaltern (IBISWorld Branchenreporte N79.11DE, N79.90DE und N79.12DE) zur Verfügung stellen, damit diese über das GDS eine Reservierung oder Buchung tätigen können. Somit nehmen die GDS-Anbieter (IBISWorld Branchenreport J62.01DE) die Rolle eines Vertriebsmittlers auf B2B-Ebene ein. Hierfür erhalten die GDS-Anbieter eine Provision, die zumeist vom Leistungserbringer, beispielsweise einer Fluggesellschaft, gezahlt werden muss.

Neben Sabre haben sich noch Travelport und Amadeus im Laufe der Jahrzehnte als führende GDS-Standards etabliert. Seine höchste Bedeutung hatte der GDS-Standard in den 1980er und frühen 1990er Jahren, als die Zahl der Privat- und Geschäftsreisenden (IBISWorld Einflussfaktoranalysen Ankünfte inländischer Reisender und Ankünfte ausländischer Reisender) stetig anstieg und es noch keinen Online-Direktvertrieb seitens der Reisedienstleister gab.

Zwar haben die großen GDS-Anbieter, die mittlerweile nicht mehr zu Airlines gehören, immer wieder neue Versionen ihrer GDS-Systeme aufgelegt, das grundlegende Prinzip hat sich jedoch seit den 1980er Jahren nicht mehr weiterentwickelt. Daher kann GDS meist nicht mehr, als die Buchbarkeit eines Kernproduktes wie eines Flugtickets oder eines Hotelzimmers, darstellen. Zusatzdienstleistungen wie Mietwagenoptionen über GDS hinzuzufügen, ist sehr umständlich.

Anfang der 2000er-Jahre begann der Siegeszug der Günstigflieger wie Ryanair, die ihre Flugtickets zumeist ohne jegliche Zusatzdienstleistungen wie aufzugebendes Gepäck oder Essen an Bord anbieten. Viele Günstigflieger sind nicht über GDS buchbar und setzen nur auf den Online-Direktvertrieb. Im Zuge der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft (IBISWorld Einflussfaktoranalyse Digitalisierungsgrad) können immer mehr Kunden direkt über das Internet erreicht werden. Einige wenige Günstigflieger bieten Buchungen über GDS an. Ihre Ticketpreise erscheinen über GDS zumeist viel günstiger als die Flugpreise etablierter Fluglinien („Legacy Carrier“) wie der Lufthansa, dies liegt unter anderem aber daran, dass die Legacy Carrier ihr Angebot größtenteils noch nicht entbündelt haben. Ihre Standardtarife beinhalten also im Gegensatz zur denen der Günstigflieger zum Beispiel noch Zusatzangebote wie eine Mahlzeit an Bord.

2012 hat der weltweite Dachverband der Fluggesellschaften, die IATA, damit begonnen, einen neuen, XML-basierten Standard auszuarbeiten, den sogenannten NDC-Standard. Durch diesen Standard wurde eine vordefinierte IT-Schnittstelle zwischen den Reisedienstleistern und ihren Vertriebspartnern geschaffen, mit der Reservierungen und Buchungen von Reiseprodukten durchgeführt werden können. Gleichzeitig können mithilfe dieses Standards auch Zusatzdienstleistungen übermittelt werden. Das Interesse der Legacy-Carrier, Geschäftsreisenden ein immer differenzierteres Angebot unterbreiten zu können, beispielsweise Sitzplätze mit mehr Beinfreiheit oder ein schnelleres Boarding, stellte die Hauptmotivation der IATA dar, um den neuen Standard zu entwickeln. Auch nicht-IATA-Mitglieder können den NDC-Standard ohne Beschränkungen anwenden, zum Beispiel Akteure aus anderen Branchen wie der Hotellerie. Der Vorteil des NDC-Standards liegt darin, dass sowohl bei den Leistungserbringern als auch bei den Vertriebspartnern nur die Implementierungskosten anfallen. Eine kostspieligere Alternative ist es, für jede Verbindung zwischen einem Leistungserbringer und einem Vertriebspartner eine individuelle IT-Schnittstelle zu schaffen. Für NDC müssen im Gegensatz zu den herkömmlichen GDS keine Gebühren für den laufenden Betrieb gezahlt werden. Dennoch dürften die entstehenden Implementierungskosten insbesondere für kleine und unabhängige Reisebüros eine gewisse Hürde darstellen.

2020 wird voraussichtlich das Jahr des großen technischen Durchbruchs dieses Standards sein. Bis darüber ein hoher Anteil der vertriebenen Reisedienstleistungen verkauft wird, dürfte es jedoch fünf bis zehn Jahre dauern. Anfangs standen die GDS-Anbieter diesem Standard sehr kritisch gegenüber, da ihre Dienstleistungen dadurch umgangenen werden können. Mittlerweile sind sie jedoch dazu übergangen, den NDC-Standard in ihre GDS-Systeme zu integrieren. Die GDS-Systeme haben nach wie vor den Vorteil einer hohen Marktabdeckung. Durch eine Integration des NDC-Standards in die vorhandenen GDS-Systeme würde auch weiterhin die Anbindung kleiner Reisebüros gewährleistet sein. Allerdings bleiben bei einer Integration von NDC in GDS die hohen GDS-Gebühren für die Leistungserbringer bestehen.

Die Vertriebsmöglichkeiten von Reisedienstleistern wie Airlines und Hotels werden sich durch NDC deutlich verbessern. Sie können zukünftig Zusatzdienstleistungen über Vertriebspartner wie Reisebüros abwickeln und somit das Kernprodukt deutlich günstiger anbieten, da es über den Vertrieb von margenträchtigen Zusatzdienstleistungen quersubventioniert wird. Der Trend zum Entbündeln dürfte sich dank NDC auch verstärkt bei Premiumdienstleistern durchsetzen, da nun auch über Vertriebspartner wie Reisebüros entbündelte Zusatzdienstleistungen angeboten werden können. Die Möglichkeiten des Vertriebs von Produkten über digitale Kanäle erscheinen nahezu grenzenlos. Die „one-ticket-solutions“, also komplette Reisepakete, die über einen einzigen Anbieter gebucht werden können, dürften dadurch immer beliebter werden.

 

In diesem Bericht erwähnte Branchen:

H49.10DE - Personenbeförderung im Eisenbahnfernverkehr     

H51.10DE - Personenbeförderung in der Luftfahrt         

I55.10DE - Hotels, Gasthöfe und Pensionen

J62.01DE - Programmierungstätigkeiten             

N77.11DE - Vermietung von Pkw

N79.11DE - Reisebüros

N79.12DE - Reiseveranstalter   

N79.90DE - Erbringung sonstiger Reservierungsdienstleistungen            

 

 

In diesem Bericht erwähnte Einflussfaktoren:

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Ankünfte inländischer Reisender

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Ankünfte ausländischer Reisender

IBISWorld Einflussfaktoranalyse Digitalisierungsgrad